Einführung in die biodynamische Osteopathie
Dies ist ein einführender Überblick in die Biodynamik der Osteopathie. Alles basiert vollständig auf meiner erfolgreichen klinischen Erfahrung, der meiner Lehrer und meiner Patienten. Ich habe mehr als dreißig Jahre lang als Hausarzt auf dem Land praktiziert. Manchmal kamen Patienten zu mir, die so krank waren, dass man sich einen Zugangspunkt zum therapeutischen Prozess kaum noch vorstellen konnte. Doch durch diese wunderbare Methode der Osteopathie im kranialen Bereich passieren Dinge im Patienten. Auch wenn wir Vieles nicht wissenschaftlich erklären können, wissen wir anhand unserer Erfahrungen, dass die Techniken, die wir anwenden, für den Patienten sicher, intelligent und effektiv sind.
Im biodynamischen Modell der Osteopathie im kranialen Bereich geht es nicht darum, bei einer bestimmten Krankheit eine bestimmte Technik anzuwenden, sondern darum, das Individuum durch die funktionelle Bewegung des Ganzen zu behandeln. In der Biodynamik gilt nicht: Wenn der Patient eine Erkrankung X hat, dann tun wir a, b, c oder d. Wir erkennen auch die Tatsache an, dass wir nicht alles sehen, was vor sich geht. Die Wissenschaft hat keine Ahnung, wie sie einen Patienten ganzheitlich behandeln soll. Auch die meisten von uns haben keine Ahnung, wie sie den Patienten in seiner Ganzheitlichkeit behandeln sollen, denn sowohl die Wissenschaft als auch der Osteopath sind in ihrer Kapazität limitiert, Informationen herauszufiltern, so dass sie Zugang zu der Intelligenz des Ganzen erlangen. Wenn wir es wünschen, dann können wir als Osteopathen allmählich und über die gesamte Lebenszeit in Interaktion mit etwas Bedeutsamem kommen. Das bezeichne ich als Geist der Osteopathie, Gesundheit und Baum der Osteopathie. All diese Methoden, die wir uns ansehen werden, sind Äste dieses Baumes.
Heutzutage wird die Osteopathie jedoch auf eine Art und Weise gelehrt, dass die Studenten zwar viel über all diese kleinen Äste lernen, sie aber weder den Baum, noch den Samen, die Keimlinge oder die Erde, aus der alles wächst, studieren. Daher haben die Studenten heutzutage keine Vorstellung von der Osteopathie als lebendige klinische Wissenschaft. Sie haben zwar viele Techniken, aber die Osteopathie als eine lebendige klinische Wissenschaft bleibt ein Geheimnis für sie. Das liegt teilweise daran, dass es einfach zu wenig Zeit gibt, die Osteopathie in ihrer traditionellen Form zu studieren, wie wir es tun. Dafür wird im Lernprozess nur wenig Zeit eingeräumt. Sie können Anatomie, Physiologie, Strain-Counter-Strain, Muskel-Energie-Techniken, Impulstechniken und kraniale Osteopathie studieren, doch wenn sie nicht aufpassen, dann kann es sein, dass sie lediglich Dysfunktionen reduzieren, ohne ein wirkliches Verständnis dafür zu haben, warum ein Osteopath tut, was er tut.
Dieser biodynamische Text befasst sich deshalb nicht nur mit dem Sinn für den ganzen Patienten, sondern auch mit den Prinzipien der Osteopathie, so wie sie von Dr. Still vorgestellt wurden. In dieser Einführung möchte ich einen Blick auf einige Äste dieses Baumes werfen, auf verschiedene Methoden, die wir anwenden können. Ich versuche, dem Leser ein Verständnis dafür zu geben, was wir hier erreichen wollen. Ich werde ihn durch eine Reihe von Methoden führen, welche ihn zu einem Sinn für das Ganze als Anfangspunkt mit dem Patienten bringen kann. Dies setzt große Vertrautheit mit der Sprache der Osteopathie und osteopathischer Technik voraus. Wir brauchen deshalb ein gutes, solides Fundament. Sollte ich über Dinge wie biodynamische oder funktionelle Modelle oder ähnliches sprechen und Sie verstehen nicht, was gemeint ist, bitte ich Sie, dazu einige Kurse zu belegen. Es werden in vielen Ländern jährlich etliche wundervolle Kurse angeboten. Sie können dabei einen großen Überblick über die Osteopathie erhalten. Sprechen Sie außerdem mit erfahrenen Osteopathen. Sie können sich dadurch darüber klar werden, ob es wirklich das ist, was Sie tun wollen. Die Entscheidung, ob Sie osteopathisch behandeln wollen oder nicht, sollte auf Ihrer Bereitschaft basieren, welche Art von Dienst Sie Ihren Patienten erweisen können.
Meine Sichtweise der Osteopathie ist, den Patienten als Ganzes zu behandeln, und zwar in jedem Alter und bei allen Krankheitsprozessen. Die Osteopathie nimmt im Patientenmanagement einen wirklich einzigartigen Platz ein. Es geht aber nicht nur um die segmentale Korrektur der Dysfunktion im Patienten. Lassen Sie uns hier unsere Reise mit einem vereinfachten Blick auf das biomechanische Modell beginnen. Dies hilft uns dann vielleicht dabei, uns einem funktionelleren Modell anzunähern. Wir werden einige funktionelle Herangehensweisen betrachten, die uns dann wiederum an die Türschwelle zum biodynamischen Ansatz in der Osteopathie im kranialen Bereich und letztlich zurück zum ganzen Patienten führen.
Der biomechanische Ansatz ist sehr einfach zu verstehen, aber man muss ihn studieren und es bedarf vieler Stunden des Lesens und der Palpationserfahrung. Es bedarf vieler Behandlungen, um ihn in der Tiefe zu verstehen. Beim biomechanischen Modell betrachten wir die Beziehungen verschiedener vertebraler Segmente zueinander und versuchen, die zwischen diesen Segmenten präsente Achsenbewegung zu korrigieren, so dass die normale Bewegung frei ist, sich auszudrücken. Somit ist unser Referenzpunkt innerhalb des biomechanischen Modells die Bewegung zwischen den Segmenten und basiert auf einer Achsenausrichtung. Wir erhalten damit Flexion, Extension, Seitneigung und Rotation. In einigen Fällen bemerken wir die Wichtigkeit der translatorischen Dysfunktionen, und in anderen Fällen werden wir die Effekte der Längsachsenkompression und andere Formen artikulärer Kompressionen erkennen, die auftreten können. Im Grunde jedoch ist es ein Achsenmodell. Wir führen Bewegungstests am Segment durch – Flexion, Extension, Seitneigung und Rotation – und benennen die Dysfunktion anhand der erlaubten Bewegung innerhalb dieser Bewegungstests.
Beim biomechanischen Modell wenden wir direkte Techniken an. Wir führen das knöcherne Segment durch seine Bewegung hindurch an eine in diesem Falle anatomische Barriere heran, fühlen die Ligamente und ihren Widerstand und manipulieren dann durch die Barriere. Wir lenken den Körper somit direkt in die Richtung, in welcher wir ihn gerne hätten, und befreien die Bewegung innerhalb dieses Segmentes. Als Resultat erhalten wir die Lösung des Schmerzes und der Symptome beim Patienten.
Das Interessante am biomechanischen Modell ist die Bandbreite der therapeutischen Anwendungsmöglichkeiten. Wenn Sie darauf zurückblicken, wie Osteopathen früher unterrichtet wurden, auch ich selbst in den 1960er Jahren in Kirksville, dann sehen wir, dass wir geraume Zeit damit verbrachten, die embryologische Basis der Osteopathie zu studieren. Wir behandelten jedes vertebrale und embryologische Segment und studierten, wie dieses Segment als Ganzes funktioniert. Wir studierten das viszerale System, das somatische System und das autonome Nervensystem sowie ihr segmentales Zusammenspiel. Wir betrachteten ein Segment nicht nur als vertebrales Segment Th1, Th2 etc., sondern als embryologisches Segment. Wenn Sie diese Tür öffnen, den Blick auf den embryologischen Prozess als eine embryologische Funktion richten und beginnen, zu sehen, was mit bestimmten viszeralen Problemen geschieht, wenn wir in bestimmten Segmenten arbeiten, dann bekommen Sie von der Osteopathie ein Bild, das sich mit dem neuromuskulären Skelettsystem durch die embryologischen Segmente befasst. Dann beginnen wir, über den oberen Thorax und die Bedeutung seiner funktionalen Integrität in Bezug auf das Herz nachzudenken und so weiter.
Wenn Sie das biomechanische Modell und seine Rolle bei Gesundheit und Krankheit aus dem Winkel der embryologischen Segmentierung nicht studiert haben, dann sollten sie dies unbedingt tun, um das große Bild des Baums der Osteopathie zu bekommen, denn die Äste reflektieren jeweils nur einen kleinen Teil des Ganzen. Es gibt viel, was Sie hier studieren können. Eines der moderneren erhältlichen Bücher wurde von Dr. Michael Kuchera D.O. und Dr. William Kuchera D.O. geschrieben: „Osteopathic Considerations in Systemic Dysfunction“. Es ist ein wunderbares Lehrbuch und bietet einen sehr guten Überblick über die Osteopathie in den Segmenten. Wenn wir nicht aufpassen, dann gehen uns auch diese Art von Informationen verloren. Von Beginn an hat ein Osteopath in der traditionellen Osteopathie die embryologischen Segmente und das Zusammenspiel zwischen Segmenten und dem gesamten Patienten studiert. Dies sind also Dinge, mit denen Sie sich beschäftigen müssen, um Ihr Bild des biomechanischen Modells zu vervollständigen. Dieses Wissen ist eine wichtige Grundlage, die Sie verstanden haben sollten, um in der Lage zu sein, gut damit umgehen zu können. Wenn Sie nicht gut damit umgehen können, dann sollten Sie wirklich die physiologische Grundlage des biomechanischen Modells studieren. Manche mögen es nicht, Impulstechniken (HVLT) anzuwenden. Es liegt ihnen nicht, direkten Einfluss zu nehmen. Ich kann das verstehen. Es ist auch eine Frage des Temperaments. Doch wir müssen dieses Prinzip erforschen, weil es mit unserem Reifungsprozess als Osteopathen zu tun hat.
Wenn wir die Prinzipien hinter dem biomechanischen Modell studiert haben, dann können wir dazu übergehen, den funktionellen Ansatz zu studieren. Es gibt ein wundervolles Lehrbuch dazu mit dem Titel „Functional Methods“ von Dr. William L. Johnston D.O. und Dr. Harry D. Friedman D.O. Allein der Anhang dieses Buches rechtfertigt den Preis des ganzen Buches. Es wird darin die Geschichte der funktionellen Techniken behandelt. Im Vergleich zur biomechanischen Methode war eine funktionelle Methode damals eine indirekte Methode. Sie bleibt innerhalb der physiologischen Bewegung und verbindet die physiologische Bewegung des Segments mit dem Ganzen. Anstatt die intersegmentären Beziehungen zwischen den Wirbeln, dem Wirbel darüber und darunter zu betrachten, sehen wir uns den Bezug zwischen dem Segment und der Bewegung des gesamten Muskel-Skelett-Systems an. Beim funktionellen Ansatz werden die Bewegungstests anders durchgeführt. Der Referenzpunkt ist immer noch die Achsenbewegung, doch es ist die axiale Bewegung in Beziehung zum Ganzen. Die Methode selbst ist faszinierend.
Das eingehende Studium des funktionellen Ansatzes hat mir persönlich einige Türen geöffnet. Meine erste Begegnung damit fand in den 1960er Jahren in Kirksville statt. Erst kürzlich las ich nochmals einige in den 1950er Jahren veröffentlichte Artikel von Dr. Johnston und Dr. Bolles und anderen. Dort sehen wir den ganzen Baum und nicht nur den Ast. Dort sehen wir, wie ein Osteopath über Gesundheitsversorgung denkt. Wir finden darin die Technik, aber auch das Prinzip, was fast ebenso wichtig ist. Hier in diesem funktionellen Ansatz öffnet uns die Technik den Weg, so dass wir die Präsenz des Baumes selbst fühlen können.
In der funktionellen Herangehensweise führen wir Bewegungstests durch, finden die sogenannte „Erlaubte Bewegung“ (permitted motion) und bleiben innerhalb dieser Bewegung. Die Technik selbst ist indirekt. Wir halten uns von Barrieren fern und nehmen keine direkte Korrektur vor, sondern nur indirekt durch das Ganze. Wir nehmen die vorhandene Funktion in einem Gelenk, dieses winzig kleine Bisschen an Bewegung, und bleiben im Sinne liquider Freiheit in dieser Bewegung. Wir bewegen uns also nicht durch die Bewegung hindurch, wo wir an einen Punkt der sich verringernden Bewegung kommen. Wir beginnen, diese liquide Freiheit in der Dysfunktion mit der Präsenz der Auswirkung des Ganzen auf diese Bewegung zu verbinden. Später bezeichnen wir dies als „Neutraler Zustand“. Während wir diese liquide Bewegung der Freiheit spüren und in diesem winzigen Raum der Bewegung warten, beginnt sich eine größere Zone der Bewegung zu öffnen, während wir die Auswirkungen der thorakalen Atmung spüren, wie sie diese liquide Freiheit in einen größeren Bewegungsspielraum einordnet. Diese beginnt am Segment und setzt sich in einem Crescendo bis zum neuromuskulären Skelettsystem fort, bis wir immer mehr Bewegung im Segment erkennen, während wir die Auswirkungen des Ganzen im Segment fühlen, welche dessen Funktion befreit. Die Korrektur wird durch die Bewegung der Gesundheit im Ganzen vorgenommen. Deswegen bezeichnen wir es als „Funktioneller Ansatz“ und darin liegt die Schönheit. Sollten Sie diese Herangehensweise noch nicht auf diese Weise studiert haben, dann empfehle ich Ihnen, das oben erwähnte Lehrbuch „Funktionelle Methoden“ zu lesen und Kurse zu diesem Thema zu belegen.
Es gibt heutzutage viele funktionelle Techniken, welche meiner Meinung nach nicht wirklich funktionell sind. Dabei gehen wir zwar auch in die Richtung der Leichtigkeit (direction of ease), verlieren sie jedoch an einem gewissen Punkt und halten dort an. Dies könnte ein Zustand der Ausgeglichenheit sein, doch es bleibt ein Gefühl von Barriere, physiologisch oder anatomisch, um den Bereich herum, an welchem der Therapeut arbeitet.
Im funktionellen Modell verbinden wir die Bewegung im Teil mit der Bewegung im Ganzen, denn es war die Bewegung im Ganzen, welche die Bewegung im Teil embryologisch hervorrief. Wir betrachten also etwas, das ganz anders ist. Wenn Sie eine funktionelle Technik anwenden, innehalten und warten, bis eine Loslösung auftritt, dann ist das technisch gesehen keine funktionelle Herangehensweise. Ich glaube, Sie verstehen, was ich damit sagen will. Wenn Sie diese an eine größere Bewegung angebundene liquide Freiheit nehmen, sich kontinuierlich im Crescendo befinden, dann kommt das Ganze zum Teil und kann gesehen werden. Sie spüren, wie die Präsenz des Ganzen zum Teil kommt. Wenn Sie aber innerhalb einer funktionellen Technik innehalten, dann fühlen Sie das Loslösen als einen Effekt von irgendetwas, das irgendwo geschehen ist, aber Sie fühlen nicht das, was die Ursache ist.
Im funktionellen Modell bewegen Sie sich über eine Reihe von Türschwellen, an größeren Aussichtspunkten vorbei, bis Sie beginnen, Ursachen wahrzunehmen. Das ist sehr bedeutsam. Die meisten Menschen verstehen unter Dr. Stills Finden der Ursache, dass die Ursache der Krankheit gefunden werden soll. Wenn der Patient beispielsweise ein Magengeschwür hat, dann versteht man das nicht als die Krankheit, sondern als Aufforderung, tiefer im System nachsehen zu müssen, um die Fehlfunktion aufzufinden. Dieses Vorgehen hat seine Berechtigung, doch es gibt noch eine andere Sichtweise auf die Ursache. Die andere Herangehensweise wäre, die Gesundheit finden, diese unsichtbare Weisheit, die dem Ganzen seinen Ausdruck innerhalb der Funktion des Segments verleiht. Wir bewegen uns innerhalb des funktionellen Modells und behandeln von der Bewegung der Achsen zur Bewegung im ganzen System hin. Das fühlt sich an wie ein Korken, der auf den Bewegungen der thorakalen Atmung schwebt und weniger wie eine Bewegung der Achsen.
Einer der Äste des Baumes der Osteopathie ist also der funktionelle Ansatz. Dieser besondere funktionelle Ansatz, von dem wir hier sprechen, wurde im Lehrbuch von Dr. Johnston und Dr. Friedman meisterhaft dargestellt. Wenn Sie es lesen, dann erwartet Sie eine wundervolle Erfahrung, speziell im Anhang. Die wunderschöne Geschichte der funktionellen Methode reicht zurück bis zu Dr. Still. Sie ist nicht neu. Es gab sie schon immer in der Osteopathie. Wenn wir bei den grundsätzlichen Kategorien bleiben, dann finden wir heraus, worum es bei diesem Baum der Osteopathie eigentlich geht. Dann können wir die Unsicherheit hinter uns lassen, die wir empfinden, wenn wir uns an den Ästen entlanghangeln.
Wenn wir zur kranialen Osteopathie kommen, dann verbinden wir die Bewegung der Segmente nicht mehr mit der thorakalen Atmung, sondern mit der primären Atmung. Eigentlich wissen wir gar nicht, was die primäre Atmung genau ist. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass wir genauso wenig wissen, was die thorakale Atmung wirklich ist. Wenn Sie die Präsenz der thorakalen Atmung auf eine Weise wahrnehmen, wie wir hier darüber sprechen, dann ist sie wirklich verblüffend. Es geht um viel mehr als um die Bewegung des Zwerchfells, um Sauerstoff und Kohlendioxid, um Rippen und Interkostalmuskulatur, das Lungenparenchym und so weiter. Es ist ein ganzer Lebensprozess. Wenn Sie die thorakale Atmung einströmen fühlen, wie sie sich mit der lokalen Freiheit mischt, wie sie sich ausbreitet, dann merken Sie, es geht um mehr, als in den Lehrbüchern steht. Wissenschaftliche Lehrbücher sind wunderbar, doch sie werden Ihnen nicht helfen, eine bessere osteopathische Behandlung geben zu können, denn dazu benötigen Sie Wahrnehmungsfähigkeiten, welche die Teile mit dem Ganzen verbinden. Das ist die wahre Herausforderung bei der Osteopathie.
Die primäre Atmung zu spüren, ist noch schwieriger. Wenn sie unsicher oder in Eile sind, dann wird es noch einmal komplizierter. Wir wenden viel Zeit mit Training der Wahrnehmungsfähigkeiten auf, damit Sie diese Fähigkeiten entwickeln und sich daran gewöhnen, in sich zu ruhen. Ich nenne unseren Ansatz den funktionellen Ansatz 2.0, denn wir verbinden uns nicht mit der thorakalen Atmung, sondern mit der primären Atmung. Dabei verbinden wir uns fast genau in der Art, wie ich es bereits beim funktionellen Ansatz mit der thorakalen Atmung beschrieben habe. Sie entscheiden, wo Sie behandeln wollen, gehen in Richtung der Leichtigkeit, bleiben in der liquiden Freiheit, die wir als „neutralen Zustand“ bezeichnen. Oft fühlt sich die Ebbe und Flut der Brustatmung, diese liquide Freiheit, wie eine Wiege an, so als werde ein Kind in einer Wiege hin- und hergewiegt. Bei der Osteopathie im kranialen Bereich ignorieren wir diese Bewegung jedoch. Wir sind mit ihr synchronisiert, fühlen ihre Gegenwart, aber wir halten um die Ränder herum nach etwas Ausschau, das subtiler, tiefer und weniger frequent ist. Wir beginnen, etwas anderes atmen zu fühlen, das einen weitaus höheren physiologischen Effekt auf den Körper ausübt als die thorakale Atmung.
Die thorakale Atmung hat viele mechanische Verbindungen im Körper, doch die primäre Atmung im biodynamischen Modell ist ein metabolischer Prozess. Sie ist kein Prozess, wie wir ihn bei der thorakalen Atmung mit dem Zwerchfell, den anterioren longitudinalen Ligamenten, den Rippen und den Zwischenrippenmuskeln haben. Wir haben viele physische Aktivitäten, welche die peripheren Bewegungen der thorakalen Atmung ausdrückt. Im Fall der primären Atmung hingegen beschäftigen wir uns mit etwas Metabolischem. Die primäre Atmung und die Bedeutung ihrer metabolischen Bewegung spielen in unserem Lehrplan eine große Rolle. Wir betrachten ein funktionelles Modell der kranialen Osteopathie, denn wir betrachten die Bewegung der primären Atmung als etwas, das eine ihr eigene interne Loslösung (internal disengagement) besitzt, ihre eigene Augmentation (Vergrößerung), ihre eigene Synchronisation und, am allerwichtigsten, die Fähigkeit, zu transmutieren.
In diesem funktionellen Ansatz innerhalb der Osteopathie im kranialen Bereich beginnen wir in Richtung der Leichtigkeit und erhalten dieses flüssige Gefühl von Freiheit in einem Crescendo, so dass es keine Zone rund um die Ränder unserer Hände gibt, an der wir an- und innehalten. Das ist der Schlüssel. Dann fühlen wir langsam die sich wiegende, hin- und herebbende Bewegung der thorakalen Atmung. Dann fühlen wir darüber hinaus, langsam, wartend, während diese Bewegung unter unseren Händen ist, eine noch größere Tide. Wenn sich die liquide Bewegung in unseren Händen mit der Tide des Thorax und danach mit der primären Atmung vereint, dann beginnen wir, die Gegenwart des Ganzen und ihre Auswirkungen nicht nur lokal, sondern simultan auch systemisch zu fühlen. Das Crescendo dieses therapeutischen Prozesses bewegt sich jenseits des neuromuskulären Skelettsystems, so dass der Endpunkt des therapeutischen Prozesses nicht diese Freiheit ist, die wir in der ganzen Wirbelsäule fühlen, wenn sie wie „gekochte Spaghetti“ auf die thorakale Atmung reagiert. Wir fühlen vielmehr, dass der gesamte Körper in einem gleichmäßigen, sehr ruhigen Zustand ist und wie er an einem Punkt dynamischen Gleichgewichts gänzlich zur Ruhe kommt. Dies bezeichnen wir als „Stillpunkt“. Dieser Stillpunkt ist überall. Er ist in der Psyche, dem Soma und in den Viszera. Wir haben dieses Gefühl von einer Pause mit therapeutischer Kraft.
Ich möchte den Unterschied zwischen einer funktionellen Herangehensweise durch das Muskel-Skelett-System und die thorakale Atmung und einem funktionellen Ansatz in der Osteopathie im kranialen Feld betonen. Über diesen zweiten Ansatz werden Sie kaum etwas zu lesen finden. Das ist einer der Gründe, weshalb wir dieses biodynamische Modell aufgestellt haben. Dr. Magoun schrieb nach dem Tod von Dr. Sutherland „Osteopathie im kranialen Feld“ neu und leistete damit einen großen Beitrag zur Osteopathie. Wenn Sie es lesen, dann sehen Sie, dass er beschreibt, wie erst ein Bewegungstest gemacht wird und dann gehalten wird, bis es zu einer Loslösung kommt. Technisch ist das ein biomechanischer Ansatz in der Osteopathie im kranialen Feld. Er spricht nur in ganz wenigen Textstellen davon, die Bewegung im Gelenk mit der primären Atmung zu verbinden.
Dr. Magoun definiert die Dysfunktionen auf viele verschiedene Arten, und zwar durch ihre Trägheit, ihre Bewegung und ihre Position. Dadurch fällt es dem nicht eingeweihten Leser schwer, sich mit einem anderen Osteopathen in Bezug auf Dysfunktionen zu verständigen. Eine Dysfunktion ist eine Form von eingeschränkter Bewegung und wir definieren eine Dysfunktion anhand ihrer Bewegung. Im funktionellen Modell der Osteopathie im kranialen Bereich kann die Dysfunktion sowohl im Gewebe als auch in einer Flüssigkeit oder auch in den bioelektrischen Feldern der Potency auftreten. Das bedeutet, dass wir einen Verlust der Proportion in den Gewebefunktionen haben können, was zu eingeschränkter Bewegung führt. Dr. Sutherland beschrieb ebenfalls, dass Flüssigkeiten in Dysfunktion gehen können, er beschrieb die Existenz einer Achsen-Räumlichkeitsdynamik und dass dies zu somatischen Dysfunktionen führen kann. Eine somatische Dysfunktion ist nicht die einzige Art einer Dysfunktion, wie wir sie in unserem funktionellen Ansatz in diesem Feld der Osteopathie haben können.
In einem nächsten Schritt sehen wir, dass auch die elektrischen Felder, die wir im Körper sehen, in Dysfunktion geraten können. Auch aus der Neurologie und der Kardiologie wissen wir, dass elektrische Körperfelder in Dysfunktion gehen können und Herzrhythmusstörungen oder andere ungewöhnliche Muster hervorrufen können. Wir sind in der Lage, einige dieser tieferen Dysfunktionen zu diagnostizieren. Denken Sie jedoch daran, dass sich das therapeutische Prinzip nicht ändert. Dieses funktionelle Modell wurde von Dr. Sutherland vorgestellt. Dr. Ruby Day war bis zu seinem Tod Dr. Sutherlands Schülerin. Mit ihr habe ich meine längste Studienzeit verbracht. Sie und auch Dr. Rollin Becker waren in ihrer Herangehensweise an die Osteopathie im kranialen Bereich sehr funktionell. Dr. Rollin Becker war sehr funktionell, indem er die Bewegung innerhalb des Systems mit dem Ganzen verband und dann das Ganze, anstatt die Hände des Osteopathen, zum therapeutischen Vermittler machte. Es wurde fast nichts dazu geschrieben und Sie müssen beinahe detektivisch zurückverfolgen, wo die Lehrer davon sprechen, die Bewegung innerhalb der Dysfunktion mit der Bewegung in der primären Atmung zu verbinden. Auf Seite 213 der 1. Auflage seines Buches „Contributions of Thought“ („Einige Überlegungen“) spricht Dr. Sutherland davon, die ausgeglichene Membranspannung (balanced membranous tension) mit den Flüssigkeitsfluktuationen zu verbinden und einen Punkt der Balance zu finden. Dieses Gefühl flüssiger Freiheit befindet sich also nicht nur im Gewebe, sondern auch im Flüssigkeitsfeld der Dysfunktion selbst und wird mit der primären Atmung verbunden. In der 1. Auflage von „Osteopathie im kranialen Feld“ ist es möglich, zwischen den Zeilen zu lesen und Dr. Sutherland auf dieser Reise zu folgen.
Meiner Meinung nach ist „Contributions of Thought“ das beste Lehrbuch, auch wenn es das komplizierteste ist. Lesen Sie sehr sorgfältig, was Dr. Sutherland ab 1942 notierte. Er schrieb, dass das Ganze das Teil verändern kann oder auch, dass das Teil als solches nicht existiert, sondern ein Ausdruck der Bewegung im Ganzen ist. Dann wird sich Ihnen einiges erschließen, was wir über ein funktionelles Modell der Osteopathie im kranialen Bereich sagen. Wenn Sie sich für Dr. Magouns Text öffnen, ihn gewissenhaft, mit Wertschätzung und Dankbarkeit lesen, dann werden Sie die biomechanische Herangehensweise erkennen, denn wir verbinden nicht die flüssige Freiheit mit Bewegung, sondern halten an, bis wir ein Loslösen erreichen. Er spricht auch nicht davon, dass der Stillpunkt im Patienten ein Endpunkt im therapeutischen Prozess ist, sondern dass er ein Loslösen im Gewebe ist. Sie müssen sich also bewusst sein, dass seine Sicht eine biomechanische Herangehensweise an die Osteopathie im kranialen Bereich ist. Im Gegensatz dazu sprechen wir von einem funktionellen Ansatz in der Osteopathie im kranialen Feld. Von dort aus bewegen wir uns weiter zu einer biodynamischen Methode der Osteopathie im kranialen Feld. Wir haben also eine Reise vom biomechanischen Modell über das funktionelle Modell hin zum biodynamischen Modell für die Osteopathie im kranialen Feld gemacht.
An dieser Stelle möchte ich Ihnen gerne eine Begebenheit erzählen, die mein Leben durch einen Schock veränderte. Es muss Anfang der 1980er Jahre gewesen sein, als ich mit der SCTF arbeitete. Wenn Sie dort als Juniormitglied in die Lehrerschaft aufgenommen werden, dann wird Ihnen einen Mentor an die Seite gestellt. Ich war überglücklich, Dr. Rollin Becker als Mentor bekommen zu haben. Es war sein Aufgabe, mir beizubringen, wie man lehrt. Obwohl eher wortkarg, war er ein großartiger Lehrer, denn er brachte mich dazu, etwas viel Tieferem zuzuhören als dem gesprochenen Wort. Vor der Arbeit behandelten wir uns immer gegenseitig. Das war sehr besonders für mich, weil er viel älter war als ich. Er war mein Vorbild und ich respektierte ihn zutiefst. Vor allem aber liebte ich diesen Mann, der so freundlich und gut zu mir war. Ich war damals eher schüchtern und unsicher und dennoch fand er die Gesundheit und die Stellen in mir, an denen ich wirklich wachsen konnte. Er half mir auf eine äußerst positive und leichte Weise, die Türschwellen zu überqueren.
Dr. Rollin Becker lag also auf der Behandlungsbank, ich legte meine Hände an ihn und wollte beginnen. Ich hatte vor, ihn zu behandeln, die Gewebekräfte, die Trägheitsfelder und Dysfunktionen zu betrachten, um dann eine Stelle auszuwählen, an der ich nach der vorhandenen Bewegung fühle, um mit der Arbeit anzufangen. Als ich meine Hände an Dr. Rollin Becker legte, fuhr er mich an: “Was denken Sie eigentlich, was Sie hier tun?“ Ich sagte: „Ich behandle Sie.“ Dann fügte ich noch kühn hinzu: „Bleiben Sie ganz ruhig und lassen Sie mich meine Arbeit tun.“ Doch er sagte: „Sie fangen nicht eher mit einer Behandlung an, bevor der Wille des Patienten nicht dem Willen der primären Atmung nachgibt.“ Damals hatte ich keinen blassen Schimmer, wovon der Mann sprach.
Das war fünfzehn Jahre nach meinem Studium der Anatomie und meinem ersten kranialen Kurs im Jahr 1966. Ich hatte bereits viele Behandlungen gegeben und unzählige Kurse in biomechanischen und funktionellen Techniken besucht. Ich kam mir vor, als sei ich durchtränkt von Osteopathie und aus dem Nichts sagte er etwas zu mir, das ich noch nie zuvor in meinem Leben gehört hatte. So wartete ich einfach. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte und ich wartete und wartete und wartete. Ich wartete vier oder fünf Minuten, was mir damals wie eine Ewigkeit vorkam, denn ich war es gewohnt, an den Körper heranzutreten und sofort zu beginnen. Ganz plötzlich konnte ich fühlen, wie sich etwas in ihm veränderte. Auf einmal erhielt das Ganze Auftrieb. Das Merkwürdigste daran war, dass ich das, was ich fühlte, normalerweise für das Ende der Behandlung hielt.
Ich fühlte etwas in Dr. Rollin Becker, das beim funktionellen Ansatz das Ende der Behandlung anzeigt, denn er fühlte sich ruhig und still an. Ich hatte keinen Referenzpunkt, aus welchem ich ihn hätte behandeln können, denn alle meine Referenzpunkte waren Indikatoren, die vor dem Stillpunkt auftauchten, und der Stillpunkt bedeutete für mich das Ende der Behandlung. Ich wusste schlicht nicht, wie es von da aus weitergehen könnte. Ich saß in meiner ganzen Ignoranz da und tat gar nichts. Auf einmal setzte ein therapeutischer Prozess ein, der in seinem Knie begann und sich über sein Becken zu seinem Nacken fortsetzte. Irgendwie bewegte sich dieser therapeutische Prozess von Ort zu Ort und baute ein therapeutisches Motiv auf, und das nicht nur in den Geweben und Flüssigkeiten, sondern im ganzen Patienten. Mit jeder lokalen Veränderung integrierte sich das Ganze des Patienten mehr und eine noch größere Homogenität entstand. Der ganze Körper, der ganze Patient und nicht nur das Segment bewegte sich in Richtung dieser liquiden Freiheit. Das gehört zu den verwirrendsten Erlebnissen meines Lebens, denn plötzlich musste ich aufhören, Osteopathie zu denken, und anfangen, dem Baum zu folgen. Das war sehr schwierig für mich.
Ich kehrte in meine Praxis zurück und versuchte, meine Art der Behandlung zu ändern. Ich versuchte, von diesem neuen Ort, an den Dr. Rollin Becker mich gebracht hatte, weiterzumachen. Das führte für mich zu einer fünf bis sechs Jahre langen Übergangsphase, die mir wirklich äußerst schwerfiel, denn ich musste lernen zu warten, bevor ich behandelte. Ich musste lernen, zu warten, bis der Patient als Ganzes „flüssig“ wurde. Im Patienten musste es nur noch eine Art der synchronisierten Bewegung zwischen der thorakalen und der primären Atmung geben, auch wenn es verschiedene Rhythmen gab. Die primäre Atmung ist polyrhythmisch und man weiß nie, was man für einen Rhythmus bekommen wird. Es war, als sei der Patient im Begriff, zu einem Ganzen zu werden. Sie kommen an einen Punkt, an dem Sie sagen können, wann der Patient loslässt, wann sich sein Verstand entspannt hat und er sich endlich erlaubt, vom Ganzen bewegt zu werden, anstatt das Ganze anleiten zu müssen. Heutzutage ist das für einen Menschen ein großes Ereignis.
Damit haben wir uns von einer funktionellen Methode, die am Teil beginnt, sich auf das Ganze zubewegt und ihren Endpunkt im Ganzen hat, zu einer biodynamischen Methode bewegt, die mit dem Ganzen beginnt und automatisch einen therapeutischen Prozess ausdrückt, der für den Beobachter diagnostisch und für den Patienten therapeutisch wird, der von selbst Gestalt annimmt und sich selbst limitiert. Der Stillpunkt, der Endpunkt, ist nicht innerhalb des Patienten, sondern er ist ein Zustand der Stille, der sich jenseits des Patienten fortsetzt, jenseits des Therapeuten und den Raum mit einbezieht, in dem wir uns befinden. 1965 schrieb Dr. Rollin Becker dazu einen sehr schönen Text: „Be Still and Know“. Sie finden ihn in seinem wunderbaren Buch „Life in Motion“ (Leben in Bewegung). Das biodynamische Modell und seine Methode finden ihren Anfang an der Stelle, an der sich der gesamte Patient in einem neutralen Zustand befindet. Anstatt lokal einen dynamischen neutralen Zustand zu haben, der systemisch wird, beginnen wir die Behandlung nur, wenn der Patient in diesen neutralen Zustand übergegangen ist und diesen neutralen Zustand auch ausdrückt. Deshalb ist der neutrale Zustand des Patienten eines der ersten Themen im biodynamischen Modell der Osteopathie. Es ist der Punkt, an welchem der Patient bereit ist, von der thorakalen und der primären Atmung verändert zu werden. Das ist ein großer Sprung und es war auch ein großer Sprung für mich. Ich meine dies nicht philosophisch und gebe auch nicht vor, den Patienten in den neutralen Zustand zu bringen. Es ist eine echte Verschiebung in unserer Wahrnehmung.
Das mag Ihnen wie eine etwas verschrobene philosophische Meditation vorkommen und Sie wundern sich vielleicht, dass wir über solche Dinge sprechen. Ich würde nicht so sprechen, wenn ich damit keine sicheren, effektiven klinischen Resultate bei meinen Patienten erzielen würde. Es war sehr schwierig zu lernen, aber weil meine Patienten gesund wurden, blieb ich dabei. Ich praktizierte zu dieser Zeit in einer kleinen ländlichen Gemeinde und kannte meine Patienten teilweise über Jahrzehnte. Ich half bei der Geburt ihrer Kinder und behandelte später ihre Enkelkinder. Ich kannte ihre Krankheitsgeschichten sehr gut und wusste, wie sie reagieren würden. Ich hatte zum Beispiel eine Patientin mit einem Geschwür am Malleolus lateralis. Es plagte sie eine sehr lange Zeit und sie musste wöchentlich Wundausschneidungen vornehmen lassen. Nachdem ich sie ein einziges Mal auf die besagte Weise behandelt hatte, heilte es aus. Ich kann nicht sagen, weshalb es verschwand, aber es verschwand und kam nie wieder.
Ich begann, Respekt für die therapeutische Potency der primären Atmung zu entwickeln. Wir müssen sogar über die primäre Atmung hinaus, zumindest als Konzept, die Auswirkungen des Ganzen, der Gesundheit, dieses mysteriösen Heilungsprinzips anschauen, auch wenn wir dies als Menschen kaum begreifen können. Auch wenn die Wissenschaft noch nicht beweisen konnte, dass all dies wahr ist, sind die klinischen Studien mit den Patienten großartig. Viele Osteopathen, die beginnen, auf diese Weise zu arbeiten, sehen die Erfolge in ihrer Praxis und bleiben dann beim biodynamischen Modell. Es ist sicherlich nicht einfacher und es macht sie auch nicht zu besonderen Menschen, aber sie tun ihren Patienten damit etwas richtig Gutes. Es müssen Osteopathen sein, die Hunderte von unterschiedlichen Krankheiten behandeln und ihre Arbeit nicht auf Muskel-Skelett-Systeme beschränken. Die biodynamische Methode ist ein äußerst potentes Werkzeug.
Dr. Sutherland schrieb ab 1942 in seinem Buch „Contributions of Thought“ von unfehlbarer Potency. Er spricht von der Präsenz der primären Atmung und ihrer Fähigkeit, den Patienten zu diagnostizieren und zu behandeln. Im „Journal of the Osteopathic Cranial Association“ (OCA-Journal) von 1953 finden wir einige sehr interessante Artikel über das Ganze, den Baum der Osteopathie, dieses geheimnisvolle Ganze, das einen therapeutischen Prozess bieten kann, wenn Sie ihn erkennen, befreien und sich mit ihm synchronisieren. Es wird Sie veranlassen, über Dr. Stills Aussage nachzudenken, die Osteopathie habe die Größe des Himmels. Es bringt uns dazu, über den Menschen mit seiner kleinen Kapazität, die Natur und das Göttliche als ein einziges Ganzes nachzudenken. Auch wenn wir uns kulturell und wissenschaftlich isoliert haben, war dieses Ganze vor uns da und wird auch immer da sein. Wir müssen sehr vorsichtig sein, die Heilungskräfte des Patienten nicht zu begrenzen, indem wir Konzepte auf sie übertragen. Wir können aufmerksam bleiben, wenn wir beim Ganzen bleiben und es bei Diagnose und Heilung beobachten. Das ist eine große und bedeutsame Erfahrung. Ich kann nur sagen, dass mich jener besagte Tag mit Dr. Rollin Becker herausforderte, mein Leben zu ändern und ich sehe es als Gottes Gnade, dass es auf diese Weise geschah.
Das Interessante am biodynamischen Modell ist, dass es keine Achsenbewegungen gibt. Der Referenzpunkt für eine Dysfunktion liegt nicht in den biomechanischen Gesetzen. Der Referenzpunkt für eine Dysfunktion liegt in der Mittellinie, in der embryologischen Mittellinie selbst.
Die Technik ist, sich mit dem Ganzen im Patienten zu synchronisieren und zu warten, dass es sich manifestiert. Die Methode ist so anders, dass ich mich dafür entschied, ihr einen neuen Namen zu geben. Ich nannte sie „Biodynamische Methode“. Dabei ist es nicht meine Methode; ich versuche lediglich, die Methode so zu beschreiben, dass die Studenten die Unterschiede zwischen diesen beiden Ansätzen erkennen können. Speziell die Kapitel „Die ausgeglichene Membranspannung“ und „Vorhandene Bewegung“ helfen Ihnen, sich dieser funktionellen Methode anzunähern und den Übergang zur biodynamischen Methode zu finden.
Ich möchte hier eine weitere biodynamische Methode behandeln. Ich werde an dieser Stelle nur kurz darauf eingehen, weil sie eigentlich ans Ende des Lehrplans gehört. Sie ist eine dieser besonderen Methoden, die den Älteren und Erfahreneren unter uns leichter fallen dürfte. Wenn Sie versuchen, sie schon früher zu erlernen, dann wird sie eine größere Herausforderung sein. Mir persönlich fällt sie immer leichter, je älter ich werde. Das könnte der Zeitfaktor sein, aber auch die Tatsache, dass wir durch unseren Reifungsprozess erkennen, dass ein Mensch zu sein nicht bedeutet, das Universum geschaffen zu haben. Wir erkennen auch, dass das Universum ewig präsent ist und sich kontinuierlich fortsetzt.
Wenn wir wollen, dann können wir diese nächste biodynamische Methode als „Biodynamische Methode Nr. 2“ bezeichnen. Sie beginnt am Stillpunkt. Wir sprachen bereits vom Stillpunkt am Ende des funktionellen Ansatzes als Teil der Osteopathie im kranialen Bereich. Dann sprachen wir im biodynamischen Ansatz Nr. 1 davon, dass der Stillpunkt ein Anfangspunkt ist, und dass es am Ende einen Stillpunkt gibt, der den Raum erfüllt. Dieser Stillpunkt war anders, er war sehr dynamisch. Wir spüren seine Bedeutung und seine innere Weisheit, haben jedoch keine Vorstellung von der spezifischen Ursache.
In diesem nächsten Modell, bei dieser nächsten Methode, dieser nächsten Technik, beginnen wir mit der dynamischen Stille und nicht mit dem neutralen Zustand im Patienten. Die dynamische Stille ist eine allgegenwärtige Stille mit dem unbeschreiblichen Gefühl des Ganzen. Während des gesamten therapeutischen Prozesses gibt der Osteopath bewusst auf, wissen zu müssen, was geschieht. Er sieht weder Dysfunktionen noch therapeutische Bewegungen, Probleme oder den neutralen Zustand. Er bleibt in dieser dynamischen Stille und auch wenn sich Transmutation und Veränderung im Ganzen des Patienten zeigen, so gibt es keine Vergrößerung und auch keine Verbindung zur Bewegung. Der Osteopath verbindet sich mit der dynamischen Stille.
Die Schwierigkeit daran ist, dass manch einer beginnt, Dinge zu tun, die nicht real sind. Sie fangen an, Stille zu erfühlen, sitzen da und legen ihre Hände an den Patienten, und das ist völlig unverantwortlich. Es sei denn, Sie haben sich einen Weg durch diese Methoden erarbeitet und sind in der Lage, sie zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten. Sonst fehlt Ihnen immer etwas, wenn Sie am Punkt der dynamischen Stille ankommen, entweder in Ihrem klinischen Urteil oder bei Ihrer Fähigkeit, das System auf intelligente Weise einzuschätzen und zu wissen, ob der Heilungsprozess im Patienten abgeschlossen ist. Ich erwähne dies, weil Vorsicht geboten ist, denn es könnte sein, dass der Leser denkt, diese Methode sei die beste und darüber dann leider alles andere davor vergisst. Denken Sie daran, dass die Osteopathie ein Baum mit vielen Ästen ist. Hüten Sie sich davor, einzelne Äste abzusägen und damit den Baum als Ganzes umzubringen. Ich möchte betonen, dass wir unseren Patienten gegenüber Verantwortung tragen. Wir praktizieren Medizin und führen keine Therapie durch. Aus diesen Gründen müssen wir alle Schritte kennen, um
1. die Sicherheit des Patienten zu gewährleisten,
2. sicherzustellen, dass die therapeutischen Resultate unseren Erwartungen entsprechen,
3. das Erbe unseres Berufsstandes zu wahren.
Die Lehrmethoden müssen auch für die Zukunft klar sein. Wie kann die Osteopathie sonst eine Zukunft haben, wenn die praktizierenden Osteopathen sich nicht in ihr auskennen? Es ist unerlässlich, dass wir uns in all diesen Methoden auskennen. Von 1965 an habe ich alles zusammenzufügt, so dass ich das Ganze betrachten kann. Inzwischen kann ich die Äste als Ausläufer des Ganzen sehen, anstatt die Äste zu benutzen, um zum Baum zu gelangen.
Lassen Sie uns bitte darauf achten, dass wir unsere klinische Präzision nicht einbüßen, nur weil wir es eilig haben, voranzukommen. Ich bin oft auf Versammlungen mit vielen Studenten und höre sie Dinge sagen wie „Oh, Sie arbeiten mit dem Gewebe.“ oder „Sie arbeiten mit der Flüssigkeit.“ oder „Sie arbeiten mit der Potency.“, als sei das etwas Besseres, als seien Osteopathen, die mit der Potency arbeiten, besser als jene, die mit Flüssigkeiten und Gewebe arbeiten. Das ist jedoch überhaupt nicht der Fall und ein großes Missverständnis. Wenn Sie eine der von mir beschriebenen Methoden für besser halten als eine andere, dann unterliegen Sie einem Irrtum. Alle Methoden sind Äste dieses Baumes und, unabhängig davon, wie Sie mit dem Patienten umgehen, das Endresultat muss seine Heilung sein.
Für mich ist das Wunderbare an der biodynamischen Methode, dass wir damit auch Schwerkranke behandeln können. Sie können Patienten mit Krebsmetastasen oder einer anderen tödlichen Krankheit behandeln und wenn sich der Patient auf den Tod vorbereitet, wird der ganze Mensch Linderung erfahren. Wenn Sie sich einem todkranken Patienten mit einem segmentalen Ansatz nähern, dann können Sie ihn nicht behandeln, weil der Mangel an Lebenskraft ihn grundsätzlich erschöpft und ihn die Behandlung noch mehr erschöpfen würde. Der Patient würde sehr müde und die Behandlung könnte sich nicht integrieren. Es wäre, als ziehe man den Stöpsel aus der Lebenskraft heraus. Es wird nicht funktionieren. Sicherlich mag es auch Ausnahmen geben. Nehmen wir an, Sie haben einen Patienten mit einer tödlichen Krankheit oder einen Patienten in einem sehr fragilen Zustand, zum Beispiel nach einer Knochenmarkstransplantation. Sie behandeln ihn, um dem Ganzen bei der Integration zu helfen, so dass das Ganze seinen eigenen therapeutischen Prozess wählen kann – wo und wie auch immer dieser notwendig ist. In einem solchen Fall können Sie mit der biodynamischen Methode einen heilsamen Zugang zum Ganzen bekommen. Wenn Sie einen Patienten behandeln, der sterben wird, vielleicht große Schmerzen oder große Angst hat, dann werden Sie sehen, dass er mit einer biodynamischen Behandlung zu einem größeren Frieden findet. Ich habe viele Patienten mit metastatischen Krankheiten behandelt und machte die Erfahrung, dass sie viel weniger Medikamente benötigten, wenn sie mit der biodynamischen Methode anstatt mit einer funktionellen oder biomechanischen Methode behandelt wurden.
Dr. Still nannte den Körper eine zweite Plazenta. Der Gründer unseres Berufsstandes war der Überzeugung, dass das Leben nicht mit dem Tod endet. Es geht an dieser Stelle nicht darum, was wir uns darunter vorstellen. Wenn ein Mensch stirbt, dann geht er durch einen natürlichen Prozess und dieser Sterbeprozess ist sehr organisiert. Wenn dieser Prozess eine Unverhältnismäßigkeit aufweist, weil der Patient Schmerzen hat, dann können wir ihn behandeln und ihm dabei helfen, seinen Frieden zu finden. Die Gesundheit im Patienten kann nicht sterben. Gesundheit ist nicht etwas, das sich ergibt, wenn wir uns gut fühlen. Die Gesundheit ist dieser stabile Zustand des Ganzen, welcher alle Teile ausdrückt und welcher die komplette Blaupause des Lebens enthält, auf die sich alle Heilungen beziehen. Selbst der Sterbeprozess ist organisiert und geordnet. Er hat seine eigene Weisheit und er ist nicht der Feind. Eines der schönsten Prinzipien der Osteopathie ist, dass auch die Krankheit selbst organisiert ist. Sie ist weder dumm noch eine Beleidigung. Krankheit ist ein geordneter Prozess. Wenn wir verstehen, dass Krankheit ein geordneter Prozess ist, dass Heilung ein geordneter Prozess ist und dass das Ganze sowohl die Krankheit selbst als auch den Heilungsprozess umfasst, dann verstehen wir den Baum schon besser. Es ist ein sehr seltsames Konzept, das eigentlich gar kein Konzept ist. Es ist die Realität, zu der Menschen gelangen, nachdem sie dreißig Jahre praktiziert, ihre Patienten geliebt haben, ein Teil einer Gemeinschaft waren und sehr gute klinische Ergebnisse erzielt haben. Diese Einstellung bekommt man, wenn man seine Patienten wertschätzt und bestrebt ist, die bestmögliche Krankenversorgung für Sie zu fnden. Das kann auch mal eine Überweisung an einen anderen Arzt, Akupunktur, Strahlentherapie oder eine Tablette bedeuten. Wir geben ihnen immer das Bestmögliche mit.
Ich habe das biodynamische Modell der Osteoapathie im kranialen Feld als wahre Sinneserfahrung von Dr. Rollin Becker bekommen. Ich danke ihm für diesen einen dynamischen Moment. Was Dr. Rollin Becker von vielen anderen Ärzten unterschied, waren seine klinischen Resultate. Die besten klinischen Resultate habe ich bei Dr. Ruby Day, Dr. Anne Wales, Dr. Rollin Becker und Dr. George Laughlin gesehen. Es gab noch viele andere großartige Osteopathen, bei denen ich studierte, aber ich war nicht lange genug bei ihnen, um mir ein ehrliches Urteil erlauben zu können. Diese Osteopathen hatten gemeinsam, dass ihr Referenzpunkt für den therapeutischen Prozess das Ganze war und der Ausdruck dieses Ganzen in dynamischer Stille lag. In gewisser Weise behandeln wir den Patienten rückwärts, und zwar vom wissenschaftlichen Modell aus gesehen rückwärts, aber mit einem wesentlich höheren Anspruch an die Präzision des Osteopathen und seine persönliche Verantwortung dem Patienten gegenüber bei Diagnose, Betreuung und Ergebnis. Wenn wir mit dem biodynamischen Modell der Osteopathie im kranialen Bereich arbeiten, dann geht es nicht um weniger, sondern um mehr Verantwortung. Wir befassen uns nicht mit Mystik ohne Wurzeln, sondern mit einem Teil des wachsenden Baumes der Osteopathie, mit etwas, das es schon sehr lange gibt.
Mir ist bewusst, dass ich in dieser Einführung viele Fragen unbeantwortet und der Kritik viele Türen offengelassen habe, aber ich bin davon überzeugt, dass der interessierte Leser, der sich im Folgenden durch die verschiedenen Kapitel arbeiten wird, viele interessante Informationen finden wird.
Mir ist es ein Bedürfnis, meinem Berufsstand zu dienen und der Osteopathie zurückzugeben, was mir gegeben wurde. Es reflektiert meine tiefe Liebe zu Dr. Ruby Day, meiner großartigen und wundervollen Lehrerin, die auch in meinen arrogantesten Momenten geduldig mit mir war, und zu vielen anderen wundervollen Osteoathen, deren klinische Resultate eine Inspiration für mich waren. Nun ist es an mir, meine Erkenntnisse zu teilen.
Ich hoffe, dass Sie unsere Reise genießen werden. Ich sehe mich nicht als Autorität. Die Autorität liegt im Baum selbst. Ich bin der Meinung, dass die Osteopathie ein würdiges Erbe verdient hat. Als Student der Osteopathie ist eine meiner großen Enttäuschungen in all den Jahren, dass die Lehrbücher bekannter Osteopathen in vielen Fällen erst nach ihrem Tod geschrieben wurden. Wenn jeder von uns, der über die Jahre bei der Osteopathie geblieben ist, seine Gedanken niederschreibt, wie ich es mit diesem Buch tue, dann können wir alle diese Informationen teilen und dadurch weiterwachsen. Ich wünsche Ihnen allen das Beste für Ihre Reise.
Tom Esser
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