Interview mit Dr. Jealous, Schweiz 2011:

Über seine Mentoren

Tom Esser: Dr. Jealous, ich habe darüber nachgedacht, dass es traditionell so zu sein scheint, dass all die alten Osteopathen von Mentoren und anderen älteren Osteopathen gelernt haben. In der neueren Zeit scheint es mir, dass Osteopathen in Kursen und aus Büchern lernen. Was, denken Sie, ist die Rolle eines osteopathischen Mentors? Können Sie etwas über Ihre eigenen Mentoren sagen und darüber sprechen, was Sie von ihnen gelernt haben?

 

James Jealous: Nun, das einzige, was ich wirklich kenne, ist das Lernen mit Mentoren. Ich kenne mich nicht aus mit dem Lernen ohne Mentoren. Ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, bei der ich tatsächlich etwas aus einem Buch gelernt habe.

 

Als ich zwölf Jahre alt war, war mein Großvater mein erster Mentor. Er hat mich das Fliegenfischen gelehrt. Er hat mich mit hinunter zum Fluss genommen und mir eine Fischerrute gegeben. Das Fliegenfischen ist nicht einfach. Ich habe es versucht, aber es war furchtbar. Er hat trotzdem Beifall geklatscht und gesagt: „Gut, weiter so.“

 

Mit das Wichtigste, was ein Mentor tut, ist, uns zu zeigen, wie man liebt. Das habe ich von all meinen Mentoren mitbekommen und ich könnte auf Anhieb zehn Personen aufzählen.

 

Meiner Meinung nach muss ein Mentor versuchen, die Prinzipien der Osteopathie zu leben, und ich sage hiermit nicht, dass ich diese Prinzipien lebe, aber ich würde es liebend gerne tun. Es geht nicht darum, perfekt oder besser als der Student zu sein. Es geht darum, ob sie die Prinzipien wirklich verstehen und diese auch leben möchten. Ich glaube nicht, dass ich ein Osteopath hätte werden können ohne einen Mentor. Ich hätte bestimmt aufgegeben und es wäre mir langweilig geworden.

 

Als ich nach Kirksville kam, hatten wir regelmäßigen Unterricht in Anatomie, Physiologie, Biologie und Chemie. Es war eine wirklich intensive Ausbildung. Das Aufregendste jedoch war, dass man die Möglichkeit hatte, die Praxis von Dr. George Laughlin, dem Enkel von Dr. Still, zu besuchen. Als ich in meinem ersten Jahr war, durfte ich einen Tag lang in der Praxis von Dr. George Laughlin hospitieren. Ich war ganz aufgeregt und nervös und schauen ihm bei der Arbeit zu. Ich verstand nicht, was er tat. Er bewegte sich nicht allzu oft und ich beobachtete, dass sich der Patient dennoch veränderte. Es war sehr offensichtlich, dass etwas im Patienten passierte. Natürlich arbeitete er mit dem kranialen System, aber ich hatte als Student keine Ahnung, was er tat, als ich ihn beim Behandeln beobachtete. Die Durchblutung des Patienten wurde besser und auch seine Atmung verbesserte sich. Ich konnte objektiv sehen, dass sich wirklich etwas getan hatte. Danach erzählte mir der Patient selbst, dass etwas geschehen ist. Ich wusste nicht, was Dr. George Laughlin gemacht hatte. Dann tat ich etwas, was wohl jeder gemacht hätte, wenn er jemanden trifft, der vierzig Jahre Erfahrung hat. Bei Dr. Anne Wales waren es sogar sechzig Jahre. Ich fragte ihn: „Was machen Sie da?“ Er schaute mich an mit einem Ausdruck von „Wie kann ich ihm das denn jetzt bloß erklären?“ Denn ohne die Basis und ohne den Prozess, durch die verschiedenen Stufen des Bewusstseins gegangen zu sein, kann man nicht wirklich verstehen, was diese erfahrenen Osteopathen, unsere Mentoren, in ihren Behandlungen machen. Ein guter Mentor würde Ihnen dies jedoch in einer solchen Weise erklären, dass Sie es trotzdem verstehen können. Er würde Sie nicht kleinmachen, sondern Sie auf ihrem jetzigen Stand ermutigen. Er würde nicht sagen: „Ich arbeite mit diesem oder jenem Mechanismus.“ Er würde sagen: „Wir versuchen, die Dinge in Bewegung zu bringen. Wir versuchen, die Lungen zu besserer Arbeit zu bewegen, denn der Patient hat ein Emphysem. Wir versuchen, die Rippen in Bewegung zu bringen und nutzen hierfür die innewohnenden therapeutischen Kräfte.“ George Laughlin antwortete mir genau das. Ich war nicht schlau genug zu fragen: „Was sind denn die innewohnenden therapeutischen Kräfte?“ Ich sagte stattdessen: „Ach ja, die innewohnenden therapeutischen Kräfte… Ich weiß, was die innewohnenden therapeutischen Kräfte sind, ich habe darüber gelesen.“ Dabei hatte ich nicht die leiseste Ahnung davon, was das war.

 

Ein Mentor bringt Sie vom Wissen in Ihrem Kopf zum Wissen und Verstehen in Ihren Händen. Er ist genau dazu in der Lage, und Dr. George Laughlin war bei mir der erste. Wenn ich von ihm spreche, dann spüre ich eine besondere Atmosphäre um mich herum. Ich sage nicht, dass ich übersinnliche Erfahrungen habe. Ich liebe diesen Mann, weil er so freundlich, bescheiden und großzügig zu mir war. Da gibt es also etwas zwischen einem Mentor und einem Studenten, was die Grenzen der Zeit überwindet, so dass diese Beziehung ewig anhält. Wenn ich in diese Erinnerung, in diesen Raum mit ihm zurückgehe, dann bekomme ich jedes Mal mehr aus diesem Raum heraus als beim Mal zuvor. Das ist interessant. Dort geschahen Dinge, die einen Eindruck auf mein Unterbewusstsein gemacht hatten und noch immer in meiner Erinnerung aufsteigen.

 

Ich war fünf Jahre lang in Kirksville, weil ich ein Stipendium hatte, und ich hatte in dieser Zeit immer Mentoren. Man hat regelmäßig einen ganzen Monat in der Praxis eines erfahrenen Osteopthen verbracht. Man konnte sich diesen aussuchen, insofern er frei war. Während der Pädiatrie-Ausbildung bin ich zu einem Kinderarzt nach St. Louis gegangen, von dem ich wusste, dass er kraniale Arbeit machte. Er war ein Osteopath, der sehr gute osteopathische Behandlungen gegeben hat. Ich hatte die Gelegenheit, während eines vollen Monats den ganzen Tag lang bei ihm zu sein, jede einzelne Stunde, während er arbeitete. Im Jahr danach habe ich dies noch einmal wiederholt. In den letzten beiden Jahren meines Medizin-Studiums durfte ich somit zwei Monate mit diesem meiner Meinung nach herausragenden Menschen verbringen. Während meines Ausbildungszyklus in der Chirurgie und der Geburtsheilkunde verhielt es sich ebenso, ich war bei zwei wunderbaren Osteopathen. Das Interessanteste war, die älteren Ärzte auf dem Land in Missouri zu begleiten. Sie waren wirklich erstaunlich und sie praktizierten Osteopathie. Sie haben seltenst Medikamente benutzt und ihren Patienten ging es sehr gut. Während meiner ganzen Ausbildung war es so, dass man mindestens einen Monat mit diesem osteopathischen Mentor verbrachte und danach noch mit einem weiteren.

 

Ich hatte ein Stipendium in Anatomie bekommen und für vier Jahre war Dr. George Snider mein Mentor. Dieser Mann war sehr hart, aber er hatte ein solch gutes Herz. Er war in vielerlei Hinsicht wie Dr. Rollin Becker. Er war überaus fordernd, es musste einfach alles richtig sein. Wir haben keine Faszien weggeworfen, wenn sie freigelegt waren. Wenn wir einen Musculus pectoralis major freilegten, dann mussten wir die tiefe Faszie ablösen und zurücklegen. Jedes noch so kleine Gewebe, das da war, musste weggeschnitten und einzeln zurückgelegt werden. So war er einfach. Er war ein Embryologe, der an Wachstum und Entwicklung der Faszien interessiert war, und das hat das Ganze beeinflusst. Sein Spitzname war „Bulldogge“ und jeder hatte Angst vor diesem Mann. Ich wollte unbedingt dieses Stipendium in Anatomie, aber da waren zwei andere Studenten, die sich ebenfalls dafür beworben hatten und die waren klüger als ich. Ich erinnere mich daran, wie mich Dr. George Snider beim Kennenlerngespräch fragte: „Weshalb soll ich dir dieses Stipendium geben?“ Er war ein wirklich harter Brocken. Ich erwiderte: „Sehen Sie, ich bin ein Osteopath. Die beiden anderen Jungs sind keine Osteopathen. Wenn sie hier rausgehen, dann werden sie keine Menschen behandeln. Wenn Sie einen Osteopathen wollen, dann nehmen sie mich. Wenn sie jemand Kluges wollen, dann können sie die beiden anderen nehmen.“ Meine Noten waren gut, aber nicht herausragend. Er nahm mich tatsächlich an und ich hatte höllische Angst vor dem, was mich erwartete. So kam ich also dazu, mit jemandem zu arbeiten, von dem ich wusste, dass er äußerst kompetent ist. Meistens haben die Studenten etwas Angst vor Ihren Mentoren, und letztere müssen wirklich wissen, wie man damit umgeht. Als Student wiederum muss man wissen, wie man seinem Mentor gegenüber offenbleibt. Dr. George Snider war wirklich gut und ich machte mit ihm 150 Demonstrations-Sezierungen in der Zeit, in der ich bei ihm war. Er war sehr fordernd, aber wenn der Tag um war, dann hatte er genauso hart gearbeitet wie ich. Ich hatte immer das Gefühl, dass er sehr schätzte, was ich tat, aber er nahm mich richtig hart ran, so wie auch Dr. Ruby Day mich stets sehr hart rannahm. Er hat wirklich nie lockergelassen.

 

Währenddessen war ich weiter an der Schule und arbeitete mit Dr. George Laughlin. Mit Dr. Korr habe ich ebenfalls gearbeitet. Er unterrichtete Physiologie und veröffentlichte die physiologischen Grundlagen der osteopathischen Medizin. Dieser Mentor war also ein Forscher. Er lehrte mich keine Prinzipien, er war einfach nur da. Dieser Mann liebte die Osteopathie. Er hat mit großer Klarheit über Physiologie, Loslösung und wie sehr er all das liebte und wie gut das für ihn sei, gesprochen. Er war eine wahre Quelle an Inspiration. Er wusste genau, was er tat. Er wusste seinen Studenten beizubringen, wie man beim Behandeln an Loslösung im System denkt. Wenn du dann die Veränderungen im Patienten gesehen hast, dann wusstest du, woher diese kamen, welcher Teil des Patienten dich tatsächlich beobachtet hat – das Gehirn, der Flüssigkeitskörper oder etwas Anderes. Ich bin Dr. Korr das erste Mal im Jahr 1965 begegnet und von da an regelmäßig bis zum Jahr 2001. Er saß seinerzeit im selben Raum wie ich und machte seine Forschungen, als ich einen Studenten während einer Demonstration behandelte. Der Student legte sich hin und ich fühlte seine Gesundheit. Nach etwa drei Minuten machte der Patient „Boom!“ und Dr. Korr stand auf einmal neben mir und fragte: „Was hast du mit ihm gemacht?!“ Ich erwiderte: „Ich habe soeben seinen neutralen Zustand gefunden.“ Dr. Korr sagte: „Das ist wundervoll.“ Ich sagte „Danke“ und zeigte zum Himmel. Da sagte er zu mir gewandt: „Danke DIR.“ Es war, als wären mir ganz plötzlich vierzig Jahre Erfahrung vom Himmel geschenkt worden.

 

Dieses gegenseitige Verstehen ist nicht mit Worten zu beschreiben. Es ging darum, die Osteopathie an ihren Kern zu verfolgen, mit ihr zu sein und keinerlei Kompromisse zu machen. Unsere Mentoren helfen uns dabei, keine Kompromisse zu machen. Wir brauchen jemanden, der sagt: „Komm, lass uns hier eine andere Richtung einschlagen.“ Wem auch immer ich je eine Frage gestellt hatte, meine Mentoren haben in gewisser Weise immer mein Bewusstsein umgeleitet. Selten hat mir ein Mentor eine Technik gegeben, etwas in der Art wie: „Nimm die erste Rippe und bewege sie so und so.“ Ich habe natürlich viele solche Dinge gelernt. Meistens bringt ein Mentor uns jedoch zurück zu den Prinzipien und diese müssen wir ohne Kompromisse anwenden. Es war so großartig an Dr. Korr, Dr. George Laughlin und meinen anderen Mentoren, dass sie alle die Prinzipien kannten und Techniken erschaffen konnten. Sie mussten keiner Technik folgen.

 

Tom Esser: Dr. Jealous, vielleicht können Sie noch über Ihre anderen osteopathischen Mentoren sprechen, wie zum Beispiel Dr. Ruby Day und Dr. Rollin Becker. Was haben Sie von ihnen gelernt?

 

James Jealous: Ich versuche, nicht zu weinen, wenn ich über sie spreche…

 

Tom Esser: Ich denke, Sie hatten großes Glück, dass sie diese Mentoren getroffen haben. Ich kenne viele Osteopathen, die sehr gerne solche Mentoren treffen würden. In Europa gibt es einen richtigen Mangel an Mentoren. Ich sehe oft, dass Osteopathen aus der Schule kommen und nicht die Möglichkeit haben, anderen Osteopathen in deren Praxis bei der Arbeit zuzusehen. Ich denke, dass dies aber sehr wichtig ist.

 

James Jealous: Das ist richtig, aber verstehen Sie, dass der Beruf sich in den Staaten selbst aufbauen musste. Wenn Sie dort eine Schule haben, dann muss diese anerkannt sein. Sie können nicht einfach eine Schule eröffnen. Sie muss viele Kriterien erfüllen und in der Lage sein, die Studenten zu graduieren. Sie müssen in der Lage sein, vor Gremien von Ärzten und Osteopathen zu bestehen. Der Beruf des Osteopathen stand nicht an erster Stelle, denn da standen die Ärzte. Deshalb haben die Osteopathen richtig zusammengehalten, es gab eine Art von Familienzusammenhalt. Das kleine Krankenhaus, in dem mein Vater gearbeitet hatte, wurde von den Osteopathen aus eigener Tasche finanziert. Sie waren so gut wie pleite. Sie bauten den Berufsstand aus eigener Kraft auf. Sie haben nicht erwartet, dass sie etwas bekommen würden. Sie haben es selbst aufgebaut. Ich denke, sie waren Pioniere zu ihrer Zeit. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, den ich kannte, sich nicht zum Berufsstand als Ganzem zugehörig gefühlt hatte. Sie strebten danach, dass der Beruf ein Ganzes wird. Sie versuchten, die Wände niederzureißen, die zwischen strukturell, funktionell und biodynamisch standen. Dr. Anne Wales war darin ganz groß. Sie pflegte zu sagen: „Dies ist Osteopathie und das ist Osteopathie.“

 

All diese Osteopathen hatten gemeinsam – und es gab auch ein paar Menschen, mit denen ich nicht arbeiten wollte, was primär mit mir und meinem Temperament zu tun hatte – dass sie die Osteopathie nicht auf eine Ebene von Aktivität oder eine Art von Behandlung limitieren wollten, sondern sie wollten das Ganze zulassen. Dies ist Osteopathie und nicht kraniale Arbeit. Sie versuchten, diese Trennung zu entfernen, besonders Dr. Sutherland.

Alle osteopathischen Krankenhäuser gehörten den Osteopathen, sie waren deren Eigentum. Das klingt jetzt vielleicht wie „Oh, sie besitzen ihre eigenen Krankenhäuser, sie sind also reich.“ Leider ist das Gegenteil der Fall. Diese Osteopathen hatten das nicht für sich selbst gemacht. Sie hatten viele Schulden, weil Sie versuchten, ihren Beruf aufzubauen, denn die Ärzte ließen sie ihre Einrichtungen nicht mitbenutzen. Wenn es zum Beispiel nur einen Krankenwagen gab in der Stadt, dann kauften ihn sich die Ärzte. Deshalb hatten wir in meiner ländlichen Gegend keinen Krankenwagen, um unsere Notfälle abzuholen. Die Osteopathen mussten sich wirklich anstrengen und so wuchs und gedieh der Beruf allmählich. Ich kenne viele Osteopathen, die ihre ganzen Ersparnisse in diese Krankenhäuser gesteckt haben. Die Ärzte waren sehr clever. Sie hatten private Kooperationen, welche die Krankenhäuser finanziert und geführt haben. Sie verdrängten damit die Osteopathen. Da hatten wir verloren. Das Pionierexperiment, welches funktioniert hatte, verschwand. Deshalb finden Sie heute kein osteopathisches Krankenhaus mehr. Früher gab es Hunderte im ganzen Land, zum Beipiel in Boston, in Rhode Island und drei im Staat Maine.

Schauen Sie nur einmal Dr. Anne Wales an. Die letzten vierzig Jahre ihres Lebens lebte sie in einem kleinen Wohnwagen. Wo war all ihr Geld geblieben? Es war vor allem investiert in Kinderkrankenhäuser. Das gleiche gilt für Dr. Ruby Day, die auch nicht wohlhabend war. Dr. Rollin Becker war ebenfalls nicht wohlhabend. Keiner von ihnen baute sein eigenes Imperium auf. Wenn Sie schauen, was viele dieser Mentoren gemeinsam hatten, dann ist es die Tatsache, dass sie alles gegeben haben, um den Beruf zu bewahren. Es gibt wirklich nicht viele Menschen, die so denken. Auf der anderen Seite bin ich nicht sicher, ob es heutzutage überhaupt noch möglich ist, so zu denken. Ich glaube aber, dass wir Mentoren haben können und ich bin überzeugt davon, dass das Ganze wiederaufgebaut werden kann.

 

Tom Esser: Ich möchte gerne auf die Mentorschaft zurückkommen, denn ich habe den Eindruck, dass man die wahre Osteopathie nicht in Kursen oder aus Büchern lernen kann. Ich habe das Gefühl, dass es bestimmte Dinge gibt, die man von einem Mentor bekommt, jedoch nicht von einem Buch. Aus den Geschichten, die ich über die alten Osteopathen gehört habe, geht hervor, dass viel durch den Mentor geschieht. Man kann zum Beispiel bei Dr. Sutherland lesen, wie Dr. Still seine Hände auf seine gelegt hatte und zusammen mit ihm gefühlt hat. Wenn ich in Kursen den alten Osteopathen beim Behandeln zugesehen habe oder wenn sie mir ihre persönliche Hilfe gegeben haben, hatte ich persönlich mehr davon als von allen theoretischen Kursinhalten oder dem Lesen von Büchern.

 

James Jealous: Das ist wahr. Ich versuche, zurückzudenken. Es gibt so viele. Ich habe Hunderte von Bildern in meinem Kopf.

 

Nehmen wir einfach Dr. Rollin Becker. Sein Bruder, Dr. Alan Becker, hatte ihn überhaupt erst zur Osteopathie gebracht. Während der letzten Jahre seines Lebens haben Dr. Alan Becker und ich uns gegenseitig Audio-Dateien geschickt. Ich habe einige Tonaufnahmen zur Biodynamik gemacht, sie ihm geschickt und ihn nach seiner Meinung gefragt. Er war mindestens dreißig Jahre älter als ich. Er hat mir Kassetten zurückgeschickt, auf denen er über seine Zeit mit Dr. Sutherland sprach und über all das, was zu der Zeit so geschah. Er hat mir sehr geholfen, mich in meinem Denken zu bestärken. Obwohl ich in die richtige Richtung und osteopathisch gedacht habe, hatte ich immer noch Zweifel und fragte mich: „Ob ich damit wohl durchkomme?“ Er sagte dann „Ja.“. Darauf erwiderte ich wieder „Ja?“ und er sagte „JA!“. So hat er mir Stärke verliehen. Es war sehr unterstützend und ich war überaus dankbar für die Kassetten, die er mir zurückschickte. Er wollte mich sogar besuchen und bei einigen meiner Kurse dabei sein, er starb jedoch leider, bevor es dazu kam. Er hätte nichts von mir gelernt, aber er liebte einfach die Osteopathie. Bei mir ist es so mit dem Fischen. Ich würde gar nicht darüber nachdenken, ob ich selbst fischen möchte, ich würde einfach kommen und Ihnen dabei zusehen und wäre glücklich dabei. Jacques Duval aus Paris war genauso.

 

Dr. Rollin Becker konnte unterrichten wie niemand anderes, den ich sonst je getroffen habe. Er war einfach der geborene Lehrer. Er forderte aber auch mehr als alle anderen. Um eine Antwort aus ihm herauszubekommen, mussten Sie wirklich in Ihrer eigenen Wahrheit sein. Wenn Sie sich eine Frage ausgedacht hatten, um damit anzugeben, in der Art wie „Wieviele verschiedene Arten von Potencies gibt es im System?“, dann war er nicht so freundlich, wie ich es bin – er hat einfach den Raum verlassen.

Wir hatten einmal einen Kurs für die SCTF und Dr. Rollin Becker begann mit der Behandlung und war dabei mein Mentor. Ungefähr vierzig Studenten haben ihm zugesehen. Ich habe neben ihm gesessen, weil er mit mir gesprochen hat, als diese vierzig Menschen anfingen, sich um uns herum zu versammeln. Er pflegte zu sagen: „Hier kommen die Geier!“ Er war also am Behandeln und die vierzig Studenten kamen immer näher und umringten ihn. Er hat in einer solchen Situation einfach das ganze System geschlossen, kapselte sich in seine Privatsphäre ein und arbeitete weiter. Dann begannen die Studenten zu fragen: „Was machen Sie da?“ Manchmal haben sie sogar ihre Hände auf seine Hände gelegt während einer Behandlung und versuchten, ihn zu spüren. Das hat ihn extrem verägert.

Ich bin mir ganz sicher, dass es dieses Einzige braucht, um ein guter Student zu sein, und zwar zu wissen, dass Sie nichts wissen, und Sie wissen nicht, was das bedeutet.

Dr. Rollin Becker interessierte sich für viele östliche Ideen, Philosophien und Techniken und er hat spirituell viel an sich gearbeitet. Manchmal konnten Sie ihm eine Frage stellen und die Antwort, die er Ihnen gegeben hat, hat Sie wütend gemacht.

Ich erinnere mich an eine der ersten Fragen, die ich ihm gestellt hatte und die mich wirklich durcheinanderwirbelte. Ich glaube, es war in einem Kurs in Oklahoma und wir unterrichteten die Grundstufe. Ich hatte entdeckt, dass es eine Mittellinie gibt. Niemand hatte mir davon erzählt und es stand auch nirgends geschrieben. Ich war im Zentrum des Nucleus pulposis, der Basis-Mittellinie, und ich fühlte den Mittelpunkt genau darin. Da bin ich zu Dr. Rollin Becker gegangen und sagte: „Ich glaube, es gibt eine dreidimensionale Bewegungsspanne.“ Da erwiderte er: „Nun ja, wie viele Richtungen siehst du?“ Ich wusste es nicht, ich hatte nicht darüber nachgedacht. Als der Kurstag vorbei war, ging ich in mein Zimmer und dachte nach. Ich ging ins Bett, lag da und meditierte. Wie viele Achsen kann ich sehen? Ich zählte: Eine, zwei, drei, vier, fünf, sechs… Wie viele Bewegungsachsen kann ich wirklich spüren? Ich meditierte darüber und kam auf die Antwort „360“. Am nächsten Morgen war ich mit Dr. Rollin Becker am Üben. Ich sah ihn an und sagte: „360.“ Er sagte: „Nein.“ Ich denke mir: „Was heißt hier nein?!“ Zu ihm habe ich mich das natürlich nicht zu sagen getraut. Er hatte einfach nur „Nein“ gesagt und fuhr fort, das zu tun, was er gerade tat. Er war wie eine Wand. Anstatt ihn weiter damit zu belästigen, ging ich die nächsten beiden Abende wieder in mein Zimmer und dachte darüber nach. Ich dachte und dachte und dachte. Ich wollte es unbedingt herausfinden, ich war gescheit genug und wollte die Antwort auf diese Frage geben können. Dabei fielen mir allerhand verrückte Sachen ein. Zwei Tage, nachdem ich ihm meine Erklärung, die nicht richtig gewesen war, gegeben hatte, sagte er: „Auf wie viele Arten kannst du einen Ball kreisen lassen?“ Ich antwortete: „Ähm, 360 oder äh…viele..?“ Er meinte nur: „Geh und finde es heraus.“ Ich bin daraufhin zurück nach oben in mein Zimmer gegangen. Am nächsten Morgen kam ich herunter und war völlig fertig wegen dieser Frage. Ich hatte keine Antwort und dachte, dass ich es nie herausfinden würde. Er sagte auf einmal: „Eine.“ Ich fragte: „Eine was?“ Er erwiderte: „Eine. Auf eine Art kannst du einen Ball kreisen lassen – um seinen Mittelpunkt herum.“

Ich fuhr nach Hause und dachte mir: „Was redet er denn da? Was soll das Ganze?“ Ich wusste, dass ich ihn nicht vor dem nächsten Kurs in sechs Monaten wiedersehen würde, und in dieser ganzen Zeit dachte ich darüber nach: „Den Ball kreisen lassen, Mittelpunkt, den Ball kreisen lassen, Mittelpunkt…“ Auf einmal hat dies eine ganz neue Tür bei meinen Behandlungen geöffnet. Ich habe mich während der Behandlung auf das Fulkrum im Nucleus pulposus konzentriert, um das sich die Bewegung herum organisierte. Das unterschied sich völlig von den Fryettschen Gesetzen. Ich dachte mir: „Woher kamen die Gesetze von Fryette, dass das Gelenk bestimmte Dinge tun muss?“ Ich begann, mich umzuhören, aber niemand wusste es. Ich fragte mich, wo das Fulkrum für die Fryettschen Gesetze ist. Manche sagten mir, es sei in den anterioren Längsbändern. Keiner hat mir bei der Lösung des Poblems wirklich weitergeholfen. Ich hatte die Fryettschen Gesetze bereits beim Unterrichten verwendet, und auf einmal gewann ich das Verständnis dafür. Ich dachte mir: „Das ist so anders.“ Die Auswirkungen hier sind groß. Es bedeutet, dass wir, egal ob wir strukturell, funktionell oder biodynamisch arbeiten, irgendwie zum Fulkrum im Mittelpunkt gelangen müssen, um das sich das Ganze herum organisiert, von wo aus es wächst und sich entwickelt, so dass Embryologie und Behandlung zu einer Art verwobenem Verständnis werden. Diese Erkenntnis hat mich richtig umgehauen. Ich war aufgrund meines Stipendiums zu der Zeit schon recht gut in Embryologie. Auch meine Anatomie-Kenntnisse waren nach meinem Stipendium nicht schlecht. Ich habe also immer wieder nachgedacht und es war eine Art von Aha-Erlebnis. Es veränderte sogar die Art, wie ich strukturelle Techniken anwendete. Auf einmal wurde dieses System für mich auf eine ganz andere Art und Weise lebendig, die ich nicht in Worte fassen kann. Ich war überwältigt von der Veränderung in mir, von der Art, wie ich dachte und wie ich fühlte.

Nach sechs Monaten stand der nächste Kurs bei Dr. Rollin Becker an und ich sollte meine erste Vorlesung halten. Ich hatte also die Idee gewonnen, dass es einen Mittelpunkt für jede Funktion gibt. Das Thema meiner Vorlesung war die Entwicklung des zentralen Nervensystems. Ich hatte die Wichtigkeit der Lamina terminalis entdeckt. Ich forschte danach und fand heraus, dass Dr. Sutherland sie einmal erwähnt hatte. Ich dachte: „Gut, ich bin also auf sicherem Boden und ich werde in gleicher Weise über das Fulkrum und diesen Mittelpunkt sprechen, mit dem ich auch schon länger in anderen Körperteilen gearbeitet habe. Ich sprach über ein Fulkrum und nicht über das Sutherland-Fulkrum. Beim Zusammenzustellen der Vorlesung begann ich, das ganze Nervensystem zu fühlen, seine Entwicklung, seine Bewegung und wie all das mit der Embryologie zusammenhängt etc. Niemand hatte bis dahin viel zu diesem Thema gesagt. Ich gab also meine erste Vorlesung für die SCTF, nachdem ich viele Jahre lang Mentoren gehabt hatte und auf Herz und Nieren geprüft worden war. Ich hatte die gesamte Geometrie des Wachstums und der Entwicklung des zentralen Nervensystems und die Bewegung des Tentoriums, des Fulkrums und der Lamina terminalis mit dem Ganzen miteinander verbunden. Ich versuchte, die Verhältnisse zwischen dem Mittelpunkt und den Bewegungen auf verschiedenen Ebenen im zentralen Nervensystem und der Galaxie darzustellen. Alle dachten, ich sei durchgedreht. Ich zeigte das Diagramm mit der Distanz der Sonne zu jedem Planeten und welche Verhältnisse dabei galten. Ich versuchte zu zeigen, wie sich das Schema für diese Bewegung entwickelt hatte und wie dies exakt mit der Bewegung, dem Wachstum und der Entwicklung nicht nur des Embryos, sondern auch des zentralen Nervensystems übereinstimmte. Es war meine erste Vorlesung und ich zeigte Bilder von Sternen und der Galaxie und versuchte, verständlich zu machen, dass das Äußere im Inneren enthalten ist. Es stimmt genau überein. Ich habe keine Quantenphysik oder ähnliches studiert, ich schaute nur in den Himmel und kam zu dieser Erkenntnis. Ich wirkte anscheinend ziemlich verrückt.

Auf einmal ging es drunter und drüber. Ich konnte meine Vorlesung nicht einmal beenden, da sprang schon ein Belgier, den ich kannte, auf mich zu. Ich hatte diverse Mikrofone an mir, war mit etwa zehn Strippen völlig verkabelt und der Projektor war hinter mir und ich konnte ihn nicht erreichen. Ein Dia war falsch herum und so begann ich darüber zu sprechen, dass es im Mechanismus kein oben und kein unten gibt. Das hat mich erst recht in Schwierigkeiten gebracht. Die Fakultät war anwesend, Menschen, die aus dem Ausland angereist waren, um zu unterrichten, und sie waren außer sich. Der Kursdirektor – ich glaube, es war Herb Miller – hat alle etwas beruhigt und ließ mich meine Vorlesung beenden. Ich kam also zum Schluss und stand da in den ganzen Kabeln und konnte nicht entfliehen. Mich von den Strippen zu befreien, war ein größerer Akt. Währenddessen begann ich, über die Mittellinie zu sprechen.

Der erste, der mir regelrecht ins Gesicht sprang, war der von mir überaus geschätzte Jacques Duval aus Paris. Wir beide wurden übrigens dennoch die besten Freunde. Er sagte: „Wo hast du denn diese ganzen verrückten Ideen her?“ Er ließ nicht locker. Da kam auch schon die ganze Meute auf mich zu. Dr. Robert Fulford war auch dabei. Dr. Rollin Becker rannte herbei, baute sich vor der Menge auf und rief: „Lasst ihn in Ruhe!“ Alles, was er sagte, war: „Lasst ihn in Ruhe!“ Ich hatte Angst und fühlte mich einfach schrecklich. Dann fingen sie an, mit Dr. Rollin Becker zu streiten, aber er sagte nur: „Er hat Recht!“ Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. War es meine Einstellung oder meine Liebe für die Osteopathie oder hatte ich wirklich etwas Wahres gesagt? Darauf kam es jedoch in diesem Moment nicht an. Er war mein Mentor, verstehen Sie? Er war da und er war in meinem Team. Ich glaube, dass es keinen Unterschied gemacht hätte, ob ich etwas richtig oder falsch gemacht hätte. Er hat einfach gesagt: „Lasst ihn in Ruhe. Er hat Recht.“ Da fingen sie an, mit ihm zu streiten anstatt mit mir. Ich entkabelte mich und rannte davon. Es war also noch einmal gut gegangen. All diese Menschen waren hinter mir her gewesen. Ich war der Jüngste, der jemals ins Direktorium berufen worden war. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich gewesen war, aber alle waren älter als ich. Ich war besorgt, denn ich musste am nächsten Tag noch einen Praxiskurs zum Core-Link geben.

Ich ging trotz der Geschehnisse des Vortags dorthin. Jemand hatte bereits über den Core-Link eine Vorlesung gehalten und ich sollte nun den Praxisteil anleiten. Die Studenten sollten eine Core-Link-Verbindung spüren. Ich gab das weiter, was Dr. Rollin Becker mich gelehrt und was ich verstanden hatte. Ich wusste es einfach nicht besser, und so sagte ich: „Fühlt das Occiput. Wir haben die Einatmung und die Ausatmung der primären Atmung.“

Wissen Sie, dass davor noch niemand, außer Dr. Sutherland und wir in der Biodynamik, andere Wörter als Flexion und Extension benutzt hatte? Man hatte sie noch nie zuvor in einer Vorlesung gehört. Dr. Sutherland hatte über die Einatmungsphase gesprochen. Ich habe dies aber einfach umgedreht und gesagt: „Dies ist Atmung. Es ist nicht Flexion-Extension, es ist Atmung.“ Wir haben also Einatmung und Ausatmung an der Schädelbasis. Ich fragte: „Könnt ihr das spüren? Tut einfach so, als sei das Sakrum direkt in euren Händen.“ Wie hatte ich das gewusst? Ich erinnere mich nicht mehr, wie alt ich war, aber es war das erste Mal, dass ich die Distanz herausgenommen hatte. Ich hatte es instinktiv getan, ohne es in Worte gefasst zu haben. Wenn ich also 1943 geboren wurde und wir hatten 1982, dann war ich da 39 Jahre alt, nicht wahr? Ich war jünger, als Sie es jetzt sind.

 

Tom Esser: Viel jünger!

 

James Jealous: Ich war also ziemlich jung im Direktorium und hatte viel Verantwortung zu tragen. Um mich herum waren sie alle viel älter als ich. Ich glaube, der nächste nach mir war fünfzehn Jahre älter als ich, und Dr. Anne Wales war natürlich deutlich älter.

Ich sagte also einfach: „Fühlt das Sakrum, als ob es in euren Händen läge, denn der Core-Link operiert nicht mit Distanz, sondern durch Distanz.“ Ich saß da und sprach, die Studenten waren bei der Arbeit, als auf einmal vier Lehrer aus ihren Stühlen sprangen und auf mich zuschossen. Sie unterbrachen einfach die Praxis und ich dachte noch: „Meine Güte, was ist denn nun wieder los?“ Sie riefen: „Was machst du da? Unterrichtest du jetzt Psychologie, oder was?“ Ich antwortete, dass ich nie Psychologie studiert habe. Sie fragten weiter: „Was tust du da? Wo hast du das denn gelernt?“ Ich erwiderte: „Nirgends“. Ich war jedoch schon lange auf einem spirituellen Pfad und hatte bereits viel meditiert. Dr. Rollin Becker hatte mich dafür auf eine Weise geöffnet, die ich nicht gleich verstanden hatte. All diese Menschen gingen also auf mich los und Dr. Rollin Becker steuerte quer durch den Raum auf mich zu, baute sich wie am Vortag neben mir auf und sagte erneut: „Lasst ihn in Ruhe! Er hat Recht. Es gibt keine Distanz.“ (Anmerkung des Herausgebers: Die Leute verstanden nicht, dass man die Hände irgendwo am Körper haben und anderswo im Körper etwas fühlen kann. Das ist das, was Dr. Jealous meint mit „keine Distanz“.). Ich versuchte, meine Sache gut zu machen. Niemand hatte meine Vorlesungen gegengelesen, bevor ich sie gehalten habe, obwohl ich versucht hatte, Hilfe zu bekommen. Ich zitterte am ganzen Leib und hatte nun wirklich genug. Ich habe noch die nächste Praxissitzung durchgehalten und dann verschwand ich.

Diese Schule dort in Texas ist riesig. Ich habe mich in den entferntesten Winkel zurückgezogen, den ich finden konnte, im dritten Stock, ganz oben in diesem Gebäude und mich dort dann in die hinterste Ecke eines riesigen Raumes gesetzt. Ich saß dort wie ein geprügelter Hund und zitterte wie Espenlaub. Ich dachte mir: „Vielleicht bin ich einfach kein Osteopath.“ Ich hinterfragte mich und meine Integrität sehr tief. Ich saß da und schaukelte hin und her. Ich glaube, ich habe sogar geweint, ich weiß es nicht mehr genau. Es musste mindestens eine Dreiviertelstunde vergangen sein und ich war so versunken in meinem eigenen Leiden, dass ich nicht bemerkt habe, wie Dr. Rollin Becker zur Tür hereinkam. Er war so still. Er war wirklich ein besonderer Mensch. Er bewegte sich auf der Erde so, wie sich ein Fisch im Wasser bewegt. Er betrat also den Raum. Das dritte Mal in 36 Stunden trat er als mein Mentor auf. Ich saß da und er befand sich am anderen Ende des Raumes. Irgendwie habe ich ihn dann doch bemerkt. „Hör mir zu“, sagte er laut zu mir, damit ich ihn überhaupt verstehen konnte. „Hör einfach zu“. In diesem Moment bin ich dann ganz zusammengebrochen.

Wenn mir jemand eine Mitfahrgelegenheit angeboten hätte, dann wäre ich gegangen. Ich bin ein Junge vom Lande, tief im Herzen widerstrebt mir dieses Konkurrenzgehabe einfach und dass jeder meint, alles besser zu wissen. Wenn ich es doch tue, dann nur für mein Ego, aber für mein Herz tue ich es sicherlich nicht. Ich saß in der Ecke und er am entgegengesetzten Ende, und er fragte mich über eine Distanz von dreißig Metern: „Kannst du mich hören?“ Ich antworte: „Ja, ich kann Sie hören.“ Er fragte erneut: „Hörst du?“ Je leiser seine Stimme wurde, desto besser konnte ich ihn hören. Er hat mich etwas gelehrt, aber ich wusste nicht genau, was es war. Es war so etwas wie „Je kleiner, desto größer.“ Er wiederholte: „Kannst du mich hören?“ Er hat mich dazu gebracht, dieser leisen Stimme zu lauschen, die dreißg Meter von mir entfernt war. Es fühlte sich sanft und liebevoll an, wie er mir das Bewusstsein und die Information gegeben hat – und er hielt den Raum. Er sagte: „Du machst deine Sache sehr gut.“ Er wusste, dass ich kurz davor war, aufzugeben, er konnte es förmlich riechen. Er fuhr fort: „Das einzige, was du von jetzt an tun musst, ist Folgendes: Sprich niemals über etwas, was du nicht liebst. Sprich nur noch über Dinge, die du liebst. Wenn dich Menschen angreifen, dann gib ihnen einfach keine Informationen. Sprich über die Dinge, die du liebst, verteidige dich niemals und lass diese kleine Stimme für dich sprechen. Dann wird alles gut.“

Mir war zunächst nicht klar, was er da gesagt hatte, ich konnte es gar nicht verarbeiten. Mein Verstand hat sich so schnell aufgelöst, es war unglaublich. Ich wusste nicht mehr, wo ich war. Ich weiß nicht einmal mehr, was am nächsten Tag geschah. Gottseidank hatte ich an diesem Tag keine Verpflichtungen mehr.

Ich musste eine Wahl treffen, als ich wieder zu Hause war, eine Wahl zwischen meinem Mentor und meinem Ego, denn mein Ego war bereit, aufzuhören. Ich wollte weglaufen und alles hinschmeißen, aber etwas hielt mich zurück. Ich wusste, er würde mich aufhalten. Er war außerdem der beste Osteopath, den ich bis dahin getroffen hatte. Es gab niemanden, der diese klinischen Ergebnisse erzielt hatte wie er, wirklich niemanden. Sogar die Älteren, die vielleicht zehn Jahre jünger waren als er, grübelten darüber, wie er das bloß machte. Das war keine einfache Sache. Dr. Rollin Becker war nicht in einer Gruppe von Menschen, die sich um ihn formiert hatten. Niemand verstand ihn, wirklich niemand. Alle erfahrenen Osteopathen rissen sich darum, von ihm zu lernen. Er war Dr. George Laughlin sehr ähnlich. Man hätte beide zusammenstecken können und sie hätten dasselbe getan – sie waren wie Zwillinge. Sie hatten dieselbe Art von Präsenz und sie verkörperten dieselbe Art von starkem Pioniergeist.

Wenn Dr. Rollin Becker behandelte, dann konnte man überhaupt nicht sagen, was er da genau tat. Seine Studenten versuchten, die Informationen aus ihm herauszubekommen und viele versuchten auch, ihn nachzuahmen. Er war wirklich ein großartiger Lehrer und eine Klasse für sich. Das einzige, was er von den Studenten wollte, war, dass sie aufrichtig ihrem Herzen folgten und nicht versuchten, eine große Nummer zu werden. Nun, er selbst war natürlich eine große Nummer, aber nicht, weil er nach Macht strebte.

Ich entschied mich, nicht aufzugegeben, sondern mit Dr. Rollin Becker weiterzuarbeiten. Ich war eine Weile lang ziemlich erschöpft, aber dann sagte ich mir: „Nun gut, du hast ab jetzt eine lebenslange Reise vor dir, indem du versuchst, die Wahrheit zu sagen in deinen Vorlesungen.“ Beim Zusammenstellen einer Vorlesung neigen Lehrer meistens dazu, die Sache etwas aufzubauschen oder sie legen die Forschungen von diesem und jenem dazu und nehmen dieses von hier und jenes von da, um sie attraktiver zu machen, aber eigentlich ist es bloß das Verteidigen der Lehre. Das ist die Idee und sie ist aus diesen und jenen Gründen richtig. Es war aber nicht das, was Dr. Rollin Becker mir vermittelt hatte. Er setzte sich dafür ein, dass ich all das lasse und einfach aufs Ganze gehe. Ich hätte zum Beispiel die Verhältnisse zwischen den Umlaufbahnen und dem Wachstum und der Entwicklung des zentralen Nervensystems aus meiner Vorlesung herauslassen können, obwohl ich die Idee mag, verstehen Sie mich? Ich war damals 39 Jahre – und nun bin ich 66 Jahre alt. Es liegt also schon eine ganze Weile zurück und es ist immer noch in mir verankert.

Wann immer ich eine Vorlesung hielt – und ich hielt sehr viele für die SCTF und für verschiedene andere Schulen – war das erste, mich hinzusetzen und mir zu sagen: „Ich muss den Mut haben, aus meinem Herzen zu sprechen.“ Es geht darum, aus meinem Herzen zu sprechen und nicht von meiner Wahrheit, denn da wäre, wenn Sie genauer hinsehen, ein kleiner Abwehrmechanismus dabei. Wenn Sie aus der Liebe heraus sprechen, die daher kommt, dass Sie als Therapeut Menschen behandeln und sich um Ihre Patienten wirklich kümmern, und dies in den Vordergrund rückt, während Sie lehren, dann brauchen Sie sich nicht um Ihr Gedächtnis zu sorgen und darum, was Sie in Ihrer Vorlesung sagen werden. Dann brauchen Sie überhaupt keine Sorgen zu haben. Sie werden dieselbe Vorlesung vielleicht nicht zweimal geben, aber Sie sind auch nicht in einem Verteidigungsmechanismus gefangen. Was für eine Wirkung hat das wohl auf die Menschen, die Ihnen zuhören? Wenn ich Dr. Rollin Becker definieren müsste – und das will ich nicht tun, weil er mir weit voraus war – dann ist es so, dass Integrität mit sich selbst dazu führt, dass Sie unterscheiden können zwischen dem, was Sie lieben und dem, worauf Sie stolz sind. Wenn Sie lehren, was Sie lieben, dann wird es die beste Qualität haben.

Dr. Rollin Becker hatte mir wirklich das Leben gerettet. Vor dieser Zeit hatte ich Lampenfieber. Danach – wann immer ich eine Vorlesung für die SCTF oder auf einer Konferenz gehalten habe – bin ich zwar immer noch in Schwierigkeiten gekommen, weil ich weiter gegangen war, über die Embryologie hinaus, aber ich gang anders damit um. Wir hatten uns dem anterioren Duragürtel zugewandt, welchen wir tatsächlich gefühlt hatten und dann langsam, über eine Zeit von fünf bis sechs Jahren, haben Dr. Elliot Blackman, Dr. Frank Willard und ich Dissektionen durchgeführt, was aber eine andere Geschichte ist.

 

Tom Esser: Dr. Rollin Becker hat Ihnen wirklich zugesetzt, oder?

 

James Jealous: Ja, aber das war noch nicht alles. Im nächsten Jahr gab es ein Treffen des Direktoriums. In diesem Rahmen haben sich die Teilnehmer gegenseitig behandelt, und ich musste Dr. Rollin Becker behandeln. Dass er meinen Namen gezogen hatte, empfand ich als Pech für ihn, denn er hätte zum Beispiel auch Herb Miller ziehen können. Ich habe also meine Hände an ihn gelegt, um ihn zu behandeln, und er rief aufgebracht: „Was tust du da?!“ Er stand auf und setzte sich auf die Behandlungsbank. Ich dachte nur: „Meine Güte, geht das schon wieder los…“ Ich hatte fast wieder einen Nervenzusammenbruch, sagte aber trotzdem ruhig: „Ich gebe dir eine osteopathische Behandlung. Leg dich bitte auf die Behandlungsbank.“ Ich versuchte es mit Bestimmtheit. Er saß auf der Behandlungsbank und schaute mich an. Ich war sogar sitzend größer als er, ich hatte aber dennoch Angst. Er sagte: „Du beginnst niemals eine Behandlung, bevor der Patient seinen Willen nicht dem Willen der primären Atmung untergeordnet hat.“ Er schaute mich durchdringend an und ich dachte nur: „Um Gottes Willen, wovon spricht dieser Mann?“ Ich hatte davon noch nie zuvor gehört. Diese Sache mit der Willenskraft und dem neutralen Zustand steht in keinem Buch. Er schafft es, alle diese Prinzipien in einem Satz zu vereinen. Er hatte mich den neutralen Zustand gelehrt, kannte jedoch den Begriff dafür nicht. So läuft das mit einem Mentor. Dr. Rollin Becker legte sich wieder hin. Ich legte meine Hände zurück an seinen Kopf und ich zitterte sehr stark. Er ging in den neutralen Zustand. Ich dachte dabei jedoch, dass es ein Stillpunkt ist. Wenn Sie jung sind und denken, ein neutraler Zustand sei ein Stillpunkt, dann können Sie leicht verwirrt sein, wenn Ihnen da niemand heraushilft. Das ist ein weiterer Vorteil an einem Mentor. Nach der Behandlung nahm ich meine Hände weg und er fragte: „Was machst du da?“ Ich sagte: „Alles ist gut, die Behandlung ist fertig.“ Er erwiderte jedoch: „Nein, sie beginnt jetzt erst.“ Das wollte ich nicht hören, schließlich war ich doch so cool und wusste genau, wie ich den Patienten zu einem Stillpunkt bringen kann, und das sollte jetzt gar kein Stillpunkt, sondern ein neutraler Zustand sein? Mir verschlug es die Sprache und mein Gehirn funktionierte nicht mehr. Jetzt hatte ich schon so lange behandelt – es müssten etwa zwanzig Jahre gewesen sein – und nun das.

 

Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich mich umtrainiert hatte. Ich vertraute ihm voll, weil er mir voll vertraute und ich wusste, dass er das wusste. Ich habe diese eine Information mit nach Hause genommen und ich tat bei jedem einzelnen Patienten genau das, was er gesagt hatte. Ich habe geschwitzt, denn ich wollte die Behandlung beginnen, ich wollte die Technik anwenden und ich wollte die Dinge zeigen, die mich sozusagen berühmt gemacht hatten in meiner eigenen kleinen Nachbarschaft. Ich musste mich sogar zurückhalten, eine Beziehung zum Patienten aufzubauen, bevor sich der neutrale Zustand eingestellt hatte. Das war schrecklich für mich. Es war sehr hart, denn ich musste mich von dem Teil verabschieden, auf den ich so stolz war. Das war gar nicht einfach, aber ich bin dabeigeblieben und habe es bei jedem einzelnen Patienten angewendet, ohne darauf zu schauen, was der Preis dafür war. Ich wusste einfach, dass er Recht hatte. Ich wollte unbedingt ein Osteopath sein. Es ging mir nicht darum, Arzt zu sein und viel Geld zu verdienen, ich wollte einfach ein Osteopath sein. Mir war bewusst, dass ich dafür mein ganzes Leben brauchen würde, und vielleicht würde ich sogar davor sterben.

 

Ich bin also dabeigeblieben und es wurden fünf Jahre daraus. Während dieser Zeit habe ich Dr. Rollin Becker etwa zehnmal getroffen. Wir haben uns nur angesehen. Er wusste, dass ich durch einen Prozess ging. Ich saß einfach da und schaute ihn an. Wir saßen oft beieinander – während einer Mahlzeit oder zwischen den Praxis-Sitzungen – und überall waren Studenten, die fragten: „Wie geht dies, wie geht das?“ Wir saßen da und sie verschwanden nach und nach und ich erinnere mich, wie ich mich ihm einmal zuwandte und sagte: „Dr. Becker, wenn diese Menschen wirklich kraniale Arbeit machen, wie kommt es dann, dass sie nicht vertrauen, dass die Tide ihnen alles zeigen wird? Wie kommt es, dass sie kämpfen? Wenn sie den Atem des Lebens wirklich gespürt haben und wirklich gesehen haben, was da vor sich geht, wie können sie dann immer weiter argumentieren? Wie kann man eine so außergewöhnliche Beziehung mit der primären Atmung eingehen und gleichzeitig mit dem Menschen neben sich, einem verdammt guten Osteopathen, streiten? Was soll denn das Ganze eigentlich?“ Er sagte erst nichts darauf, er sah bloß nach unten. Dann sagte er: „Warum gibst du ihnen nicht zehn Jahre? Warum die Eile?“

 

Das war die nächste Lektion: Warte, bis sich die Menschen um dich herum verändern. Mir hat das gar nicht gefallen, denn ich war ziemlich entsetzt darüber, dass die Menschen gestritten haben, grob zueinander waren und überhaupt nicht versucht haben, einander zu helfen. Letztlich stellte sich jedoch heraus, dass er Recht hatte. Danach saßen wir zusammen in Meetings, die ganzen Kämpfe fanden statt und ich achtete stets darauf, neben ihm zu sitzen, denn da fühlte ich mich sicher. Sollte es Ärger geben, dann würde er mich schon beschützen, aber mehr als das sagte ich mir im Stillen: „Was passiert wirklich mit der Tide? Keinen Menschen scheint dies zu interessieren. Vielleicht passiert das in zehn Jahren.“

 

Dr. Rollin Becker hat nie jemanden lächerlich gemacht. Er sagte zwar „Nein, nein und nochmals nein.“ und schottete sich ab, indem er Wände um sich herum errichtete, aber innerhalb derer war er einfach unglaublich für mich.

 

Interessanterweise las ich lediglich zwei seiner Schriften, bevor seine Bücher erschienen. Das war alles, bevor überhaupt etwas veröffentlicht wurde. Ich kannte also all diese Dinge aus seinen Büchern nicht. Ich kannte nicht seine Sprache und die Dinge, die er entwickelt hatte. Für meinen eigenen Unterricht hatte ich meine eigene Sprache entwickelt, zum Beispiel für die dynamische Stille. Es war ein Zufall, dass ich viele Wörter fand, die seinen ähnlich waren, wie ich dann später herausfand. Ich fragte ihn manchmal und er sagte dann: „Ja, das ist ein gutes Wort.“ Als seine Bücher herauskamen, war ich verblüfft. Vieles davon hatte ich tatsählich selbst verfolgt und ich hatte dafür eine sehr ähnliche Sprache entwickelt, denn ich war, wie ich schon sagte, seit langer Zeit auf einem spirituellen Pfad. Auf einmal ergab alles einen Sinn für mich. Danach geschahen alle möglichen anderen Dinge.

 

Hier kann man sehen, was einen guten Mentor ausmacht. Er sieht, wo ich hinwill, aber er nimmt mich nicht dahin mit, bis ich es nicht selbst tun kann. Wenn der Preis dafür zu hoch ist, dann wird er ihn nicht von mir verlangen. Er hätte die Sache mit dem neutralen Zustand bereits fünf Jahre früher erzählen können, aber er hätte mich damit überfordert und verängstigt.

 

Das andere ist, dass ich nie das Gefühl hatte, dass mich meine Mentoren gedrängt haben. Sie haben mich in einer gewissen Weise dorthin begleitet, wo ich selbst hingelangen sollte. Dr. Ruby Day war zum Beispiel so und auch Dr. Anne Wales. Meine Mentoren haben mich nie herumgeschubst oder auf mich herabgesehen – und zwar keiner von ihnen.

 

Dr. Rollin Becker hat kein Buch geschrieben, es waren lediglich einige ausgewählte Teile seiner Notizen. Dr. George Laughlin hat kein Buch geschrieben. Dr. Anne Wales hat kein eigenes Buch geschrieben, sie hat Dr. Sutherlands Kassetten aufgeschrieben. Dr. Ruby Day hat kein Buch geschrieben und auch Dr. Alan Becker nicht. Sie alle hatten etwa zwanzig Jahre lang mit Dr. Sutherland gearbeitet und nicht nur einen seiner Kurse besucht. Mit Dr. Alan Becker habe ich selbst leider nicht viel gearbeitet, nur am Ende für wenige Monate. Vier meiner Mentoren hatten tatsächlich noch selbst mit Dr. Sutherland zu tun gehabt. Ich glaube, Dr. Ruby Day fing bei ihm im Jahre 1939 an. Sie war die Jüngste im Kreis derjenigen, die die ganze Zeit bei ihm geblieben sind. Dr. Sutherland war ihr Mentor und danach wurden sie meine Mentoren.

 

Ich weiß nicht, ob ich wenig mitgenommen habe oder ob es viel war, aber meine Prägung war, dass ich der Osteopathie trauen konnte. Ich konnte den Prinzipien trauen und mit ihnen gehen. Wenn ich keinen Mentor gehabt hätte, dann weiß ich nicht, was passiert wäre, ziemlich sicher aber wäre ich nicht mehr am Leben. Ich hätte wahrscheinlich mein Nervensystem zu Grunde gerichtet bei dem Versuch, die primäre Atmung zu verstehen, anstatt etwas Führung zu haben, die mich durch diese Engstellen bringt und wo ich nicht mein Ego benutzen musste, um mein eigenes Nervensystem, meine eigene Kraft zu stärken. Ich hätte mich wahrscheinlich umgebracht. Mir wäre wohl einfach die Lebensenergie ausgegangen. Es wäre so gewesen, als wollte man den Himmel mit einem Strohhalm erstürmen, und nichts anderes habe ich gemacht. Die Menschen versuchen, zu den tieferen Schichten durchzubrechen und treiben ihre Systeme richtig an, aber dabei wird ihnen die Lebensenergie ausgehen. Jeder einzelne dieser Menschen wusste, wie man stillsitzt und im Nichtstun verweilt.

 

Tom Esser: Denken Sie, dass jeder Osteopath einen Mentor finden sollte?

 

James Jealous: Das ist ihnen selbst überlassen. Ich selbst würde es nicht ohne versuchen wollen. Ich glaube, dass es eine einsame Welt ist ohne einen Mentor. Die Osteopathie ist von ihrer Idee her eine mündliche Tradition. Allerdings war es schon in den Zeiten, wo dies langsam ausstarb, so, dass Studenten zu einem Kurs kamen und sich Notizen dazu machten, was Dr. Rollin Becker sagte. Danach gingen sie tatsächlich hin und schrieben ein Buch darüber. Die alte Schule war, dass jeder für sich selbst die wahren „Schätze“ ausgraben musste, nur mit der Hilfe von etwas Führung. Wenn ich keine guten Mentoren bekommen konnte, dann habe ich es gelassen. Ich bin zu ein paar Menschen gegangen, um herauszufinden, ob ich sie gerne als Hilfe haben wollte, aber mit manchen wollte ich nicht zusammen sein, weil sie gemein zu mir waren.

 

Tom Esser: Es gibt also auch schlechte Erfahrungen mit Mentoren?

 

James Jealous: So kann man das nicht sagen, sie waren einfach nur gemein zu mir. Ich weiß nicht, ob sie womöglich zu jemand anderem nett waren und ob es an meiner Persönlichkeit gelegen hatte oder daran, dass ich inkompetent gewesen war. Sie haben mich immer wieder heruntergemacht. Ihre Art zu lehren war: „Du bist falsch. Halte dich zurück. Halte deine Hände nicht so.“ Hilft Ihnen das etwa? Wo ist dann der richtige Ort, um sie hinzulegen? Nein, das ist kein Unterrichten. Es ist eher wie: „Probiere es alleine aus.“ Wissen Sie, was ich meine?

 

Tom Esser: Es ist wie das Finden der Gesundheit.

 

James Jealous: Ja. Sie brauchen einen Mentor, der Ihre schlechten Tendenzen nicht noch verstärkt. Manche Menschen, zu denen ich auf meiner Suche nach einem Mentor gegangen war, mussten unbedingt der Chef sein, und zwar auf jeden Fall. Ich konnte etwas Schönes vollbringen, aber sie haben das niemals gesagt. Sie haben es sich selbst angerechnet. Letztlich waren sie jedoch unglücklich mit sich selbst. Das steckte eigentlich dahinter. Mir fiel bei zwei oder drei Menschen, zu denen ich gegangen war und die älter waren, auf, dass ihre Fachkenntnis genau da aufhörte, wo der Patient seinen Willen unterordnen sollte. Diese Menschen haben zwar gute Behandlungserfolge erzielt, dabei aber geschwitzt, gearbeitet, Energie herumgeschoben und alle möglichen Dinge gemacht. Dr. Rollin Becker, Dr. George Laughlin, Dr. Ruby Day und Dr. Anne Wales sind weiter gegangen. Sie gingen in eine andere Richtung. Sie konnten Ihren Fuß halten und Ihr Cerebellum hat sich bewegt. Sie haben etwas völlig anderes gemacht, und die Art, wie sie mich menschlich behandelt haben, war auch anders.

 

Im Jahr 1978 gingen sie ans College und boten einen kostenlosen Kurs für Studenten an, welcher zweimal im Monat stattfand. Dieser Kurs wurde so groß, dass am Ende etwa zwanzig Lehrer und sechzig Studenten an der Schule waren. Es wurde eine richtig große Sache.

 

Als wir die SCTF-Kurse durchführten, begannen wir mit den jährlichen Konferenzen im Oktober in Maine, ungefähr von 1988 bis 1995. Ich war dabei der Direktor des Ganzen. Am Anfang eines Kurses habe ich mich immer hingestellt und zuerst zu den Lehrern gesprochen: „Niemand in dieser Fakultät darf einen Studenten herabwürdigen, ist das klar?“ Zu den Studenten sagte ich: „Wenn euch irgendjemand hier herabsetzt, dann will ich das sofort erfahren, denn derjenige wird hier nicht mehr unterrichten.“ Dem Direktorium habe ich gesagt: „Wenn ihr mich feuern wollt, dann tut das, aber ich will, dass das aufhört.“ Es war nämlich so, dass der Beruf langsam verloren ging, denn die Menschen führten sich auf wie eine Bande von Experten. Wissen Sie, wie man sein Ego abschirmt? Man schirmt es ab, indem man sagt, jeder andere sei falsch. Dr. Ruby Day hatte keine Angst davor, menschlich zu sein und dies zu akzeptieren. Sie war ein sehr spiritueller Mensch. Dr. Anne Wales war eine sehr selbstkritische und wissbegierige Person, und ich weiß, dass Dr. Rollin Becker auch so war.

 

Es gab jedoch auch gemeine Menschen. Sie streuten Gerüchte, was ein Zeichen von großer Schwäche ist. Ich weiß von meinen spirituellen Lehrern nicht viel darüber. Dr. Ruby Day hatte ihre eigene Meinung zu den verschiedenen Menschen. Sie sagte manchmal: „Weißt du, diesen Typen mag ich nicht.“ Sie hätte sich aber nie das Maul über ihn zerrissen. Sie hat vielleicht gesagt: „Das gefällt mir nicht, es erscheint mir nicht richtig.“ Sie hat ein wenig darüber geredet, hätte ihn aber nicht zerrissen und gekreuzigt. Es gab jedoch viele Mentoren, die viel Zeit damit verbrachten, darüber zu reden, was sie alles wissen und die anderen nicht, als wären die anderen inkompetent, was sie jedoch keineswegs sind. Das ist vollkommen inakzeptabel.

 

Eines der Dinge, zu dem ein Mentor meiner Meinung nach wirklich verpflichtet ist, ist, die Psyche seines Studenten nicht zu sehr aufzuheizen, was andere Menschen anbelangt. Er kann seine Meinung haben und diese auch äußern, sollte sie dann aber loslassen. Lassen Sie sich nicht zu sehr über andere Menschen aus, was man leider oft in Kursen beobachten kann. Ich habe 125 Kurse unterrichtet und hörte immer wieder Aussagen wie „Oh, dieser Typ arbeitet strukturell, er arbeitet nicht mit der Potency.“, als wäre die Arbeit mit der Potency besser. Die Arbeit mit der Potency ist kein bisschen besser, wenn Sie lediglich ins System eingreifen und den Patienten unter Strom setzen. So kommen Ideen zustande wie „Strukturell ist nicht so gut wie funktionell, und das ist wiederum nicht so gut wie das Arbeiten mit der Tide.“ Die Studenten tragen dies dann weiter.

 

Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür, was ein wirkliches Verbrechen ist. Dr. Beryl Arbuckle war eine großartige Osteopathin und sie hat ein Buch über Kinder geschrieben. Es lohnt sich übrigens, es zu lesen. Sie und Dr. Sutherland sind aneinandergeraten. Sie war der Meinung, dass es eine durale Verdoppelung in der anterioren kranialen Grube gebe – Anspannungsbänder – und dass die Fasern in eine andere Richtung gehen als die Fasern des Tentoriums und sie fragte sich, ob dies wohl von Bedeutung sei. Die Fasern waren nun einmal das A und O in der Osteopathie. Viel von dem, was in der Literatur geschrieben wird über Bindegewebe und Flussrichtung der Hirnmembrane ist noch nicht vollends erforscht. Dr. Beryl Arbuckle stellte Forschungen darüber an, während Dr. Sutherland weiter mit zwei Tentorien und Falxen arbeitete. Er hatte also drei Ligamente, welche in gewisser Weise die Knochen bewegt haben. Er fing allerdings zu diesem Zeitpunkt an, seine Sichtweise zu ändern. Da kommt Dr. Beryl Arbuckle daher und sagt: „Weißt du, in diesem duralen System gibt es mehr, als wir hier haben.“ Aus irgendeinem Grunde haben ihre beiden Persönlichkeiten nicht zueinander gepasst. Dr. Ruby Day hat mir erzählt, dass sie nicht gut miteinander kommunizieren konnten, und deshalb Dr. Beryl Arbuckle nach einiger Zeit ging. Ich hatte gerüchteweise gehört: „Ach, diese Arbuckle war eine Idiotin.“ Sie hatten sie jedoch nie persönlich getroffen. Dr. Ruby Day erzählte mir auf meine Bitte hin mehr von ihr: „Sie hatte fünf Kinderkliniken. Jeden Samstagmorgen ist sie dorthin gegangen, um circa einhundert Kinder zu behandeln. Sie erzielte sehr gute Behandlungserfolge. Ist das nicht eine tolle Geschichte? Jemand, der zu so etwas fähig ist, kann nicht durch und durch schlecht sein, nicht wahr? Als sie etwa 65 Jahre alt war, verliebte sie sich und verschwand leider von der Bildfläche.“ Ich erwiderte: „Aber was ist denn passiert? Warum gibt es so viel Gerede um sie und Dr. Sutherland?“ Sie sagte: „Nichts.“ Ich fragte, was Dr. Sutherland selbst dazu gesagt. Dr. Ruby Day blieb ganz ruhig und berichtete, dass er Folgendes sagte: „Hin und wieder gibt es viel Schaum auf der Meeresoberfläche, aber der Wind der Tide wird kommen, ihn wegfegen und dann wird das Meer wieder ruhig.“ Anstatt Gerüchte zu streuen, hat er eine Geschichte erzählt, und in dieser Geschichte ging es nicht darum, dass Dr. Beryl Arbuckle etwas falsch gemacht hatte. Er sagte damit, dass allgemeine Verwirrung geherrscht hatte und wenn wir nur warteten – wie auch Dr. Rollin Becker es gesagt hatte – dann würde die Tide wieder alles ins Gleichgewicht bringen. Dr. Beryl Arbuckle hat auf die Tide gehört, Dr. Sutherland hat auf die Tide gehört und auch Dr. Ruby Day hat auf die Tide gehört. Eine Geschichte ist besser als Gerede wie: „Dr. Beryl Arbuckle war eine Idiotin, sie hatte keine Ahnung und Dr. Sutherland hat sie gehasst.“ Das ist einfach nicht wahr. Dr. Ruby Day war wirklich entsetzt über die ganzen Gerüchte. Während meiner Lehrtätigkeit erhielt ich Rückmeldungen zu dieser Angelegenheit. Ich habe zum Beispiel gefragt: „Was ist denn mit diesem Buch von Dr. Beryl Arbuckle?“ Darauf bekam ich die Antwort: „Nein, das lesen wir nicht.“ Ich fragte daraufhin Dr. Ruby Day: „Was war denn nun genau mit Dr. Beryl Arbuckle?“ Sie antwortete: „Sie hat einige sehr gute Arbeiten geleistet.“ Ich erwiderte: „Warum haben die Menschen sie dann gehasst?“ Sie sagte: „Dr. Sutherland hat sie nicht gehasst.“

So etwas ist wirklich gefährlich. Seit 1982 bis zum heutigen Tage hat Dr. Beryl Arbuckle bei vielen Osteopathen und deren Studenten in den USA einen schlechten Ruf. Sie lesen ihr Buch nicht. Es ist nicht so, dass Dr. Sutherland Dr. Beryl Arbuckle nicht mochte, sie konnten nur ihre Formate nicht miteinander in Einklang bringen. Sie hat sehr gute Arbeit geleistet, hat ein wirklich gutes Buch geschrieben und sie hatte Wichtiges zu sagen zu meningealen Gewebesträngen bei Kindern, was ich für sehr wichtig halte. Außerdem hat sie sich intensiv mit dem anterioren Duragürtel beschäftigt. Heißt das nun, dass sie Recht hatte und Dr. Sutherland Unrecht? Nein, denn darum geht es überhaupt nicht. Mittlerweile reden mehrere Generationen schlecht von Dr. Beryl Arbuckle, und heute liest sie niemand. Ich weiß nicht, wie das in Europa ist – wird sie dort gelesen?

 

Tom Esser: Nein. Sie ist wenig bekannt. (Anmerkung des Herausgebers: Das Interview ist von 2011. Mittlerweile ist die Arbeit von Dr. Beryl Arbuckle bekannt und es gibt Artikel und Seminare dazu in Deutschland.)

 

Tom Esser: Was hat es denn mit Dr. Charlotte Weaver auf sich? Bei ihr scheint es sich um eine weitere Frau mit vielen Fähigkeiten zu handeln, die dennoch irgendwie beiseite geschoben wurde.

 

James Jealous: Ich erzähle Ihnen gerne die Geschichte von Dr. Charlotte Weaver. Dr. Ruby Day war eine wirklich unglaubliche Lehrerin. Sie hatte von 1941 an zusammen mit Dr. Sutherland unterrichtet. Sie hat mir erzählt, dass Dr. Sutherland wollte, dass sie die Schriften von Dr. Charlotte Weaver liest. Es war um das Jahr 1983 herum, da brachte sie mir einen Papierstapel mit und sagte: „Ich möchte, dass du das liest.“ Alles war von Charlotte Weaver, und es ging darin um Embryologie und um die Bewegung des zentralen Nervensystems. Sie wusste natürlich, dass ich schon ganz süchtig danach war, bevor ich Vorlesungen darüber hielt oder etwas in der Art gemacht hatte. Nachdem ich nur eine Vorlesung darüber gehalten hatte, war es endgültig um mich geschehen. Danach gab sie mir noch Dr. Alvera Millers Werke über die Tri-Dura und die Dura und sagte wiederum: „Ich möchte, dass Du das liest.“ Es war ganz klar, dass Dr. Sutherland über den Tellerrand geschaut und auch Studien von anderen Osteopathen mit einbezogen hatte.

 

Ich war an der Cranial Academy, die sämtliche Vorlesungen von Dr. Sutherland aufbewahren. Dort gibt es ein sehr lesenswertes Lehrbuch. Es gab dort unter anderem auch die Sachen von Dr. Alvera Miller, Dr. Annie Biddle, Dr. Hall und Dr. Magoun.

 

Im Jahre 1972 – ich hatte meine Praxis seit einem Jahr – klopfte es an meiner Tür und zwei alte Damen, die mehrere Schachteln dabei hatten, kamen herein. Sie fragten nach Dr. Jealous. Ich trug Jeans, T-Shirt und hatte meinen kleinen Pickup vor dem Haus geparkt, denn ich war ja ein Landarzt. Ich sagte: „Das bin ich.“ Sie freuten sich, mich anzutreffen und ich fragte sie, wer sie seien. „Wir sind Dr. Barnes und Dr. Hall.“ Ich hatte noch nie von ihnen gehört. „Wir sind aus Kalifornien und haben Ihren Bruder wegen seiner Migräne behandelt. Wir sind kraniale Osteopathen.“ Ich sagte: „Dann haben Sie bestimmt schon einmal von Dr. Sutherland gehört.“ Sie antworteten: „Ja, wir haben uns in seinen letzten zehn Lebensjahren um ihn gekümmert.“ Sie waren die ganze Zeit im Fulkrum seines Hauses gewesen und hatten nebenan gewohnt (Anmerkung des Herausgebers: Dr. Sutherland nannte sein Haus „Fulkrum“). Sie waren so etwas wie seine Privatsekretärinnen. „Wir haben viele Papiere und kleine persönliche Dinge von ihm, und wir möchten sie Ihnen gerne übergeben.“ Ich war ganz erstaunt und fragte: „Warum geben Sie diese Dinge ausgerechnet mir?“ Sie erwiderten: „Weil sie ein sicheres Zuhause brauchen.“

 

Damit ging es los. Ich hatte nun also all diese Sachen und las die Bücher. Mittlerweile dachte der Mann, mit dem ich die Praxis teile, dass ich durchgedreht bin, weil ich kranial arbeitete. Er hatte eine Kiste voller Schädelknochen – zerlegter Knochen – von Dr. Clifford Keating, der mit Dr. Sutherland gearbeitet hatte. Er nahm diese Kiste und sagte: „Nimm du diese verdammten Knochen.“ So habe ich also auch diese Knochen bekommen. Langsam stapelten sich diese besondern Dinge in meiner Praxis und ich begann, mich zu fragen, was das alles zu bedeuten hat. Danach habe ich begonnen, mit Dr. Ruby Day zu arbeiten und nahm an noch mehr Kursen teil.

Ich weiß nicht, wie ich dazu kam, aber all diese Menschen gaben mir ihre Unterstützung, noch bevor ich überhaupt bewusst genug wurde, zu spüren, was sie alle versuchten, für mich zu tun. Mit der Hilfe dieser Mentoren wachen Sie eines Morgens auf und Ihnen wird schlagartig klar: Diese Person gibt mir ihre Aufmerksamkeit. Der Tag, an dem ich begriff, dass Dr. Ruby Day mir ihre volle Aufmerksamkeit schenkte, hat sehr vieles verändert, und das hat Vieles vorangebracht.

 

Dasselbe geschah auch mit Dr. Thomas Schooley. Er war ein großartiger Osteopath. Er ist ebenfalls im OCA-Journal von 1953 vertreten. Ich habe leider nur zweimal mit ihm gearbeitet, und einmal haben wir zusammen Vorlesungen in Montreal gehalten. Ich hielt meine Vorlesung über die Long Tide, was bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand getan hatte. Ich stieg danach vom Podium herunter und da saß er in der ersten Reihe zusammen mit Dr. Irvin Korr und Dr. Anne Wales. Ich setzte mich zu ihnen und wir waren die letzten im Raum. Da sah er mich an und begann zu weinen. Er sagte: „Niemand hatte den Mut, so zu sprechen seit Dr. Sutherland. Es ist so wundervoll.“ Damit Dr. Thomas Schooley weiter mit dem Modell von Dr. Magoun unterrichten konnte, musste er selbst über diese anderen Sachen Stillschweigen bewahren. Das ist in Ordnung, es war seine Wahl. Das ist weder gut noch schlecht. Als er sah, was mit Dr. Rollin Becker, Dr. Ruby Day und mir passiert war und als er merkte, dass diese Menschen so nett zu mir waren, da war er auf einer bestimmten Ebene richtig erleichtert. Nach seinem Tod hat er alle seine Knochen zu mir schicken lassen. Ich habe sie an die Studiengruppe weitergegeben, damit sie in guten Händen sind, was auch immer passieren mag. Sie gehören also nicht mir. In dieser Gruppe sind ungefähr sechzig Osteopathen, die immer noch zusammenarbeiten. Sie versuchen, sich gegenseitig zu helfen, sind sich gegenseitig Mentoren und tun eine Menge füreinander. Deshalb hat er seine Knochen zu uns geschickt. Nach dem Tod von Dr. Annie Biddle ließ auch sie mir ihre Knochen schicken. Über die Jahre haben sich so einige Dinge bei mir angehäuft.

 

Es liegt etwas unter der Osteopathie, was sehr mächtig ist und dies ruht in den Händen der Mentoren und nicht bei den Lehrern, die einfach nur Kurse geben und über dich herziehen, sondern bei den Menschen, die bei dir bleiben und dir die Prinzipien beibringen. Wenn es einen innewohnenden therapeutischen Prozess im Studenten gibt, dann ist es meine Aufgabe, diesen zu finden und nicht die des Studenten, denn er selbst hat kein Gefühl dafür. Es ist auch sehr wichtig, dass die Mentoren nicht versuchen, einen Studenten nach ihren Vorstellungen zu formen.

 

Viele Menschen versuchen, die Biodynamik in ein getrenntes Lager zu stecken, aber ich versuche, dies aufzubrechen. Manche sagen zu mir: „Die Menschen laufen dir einfach hinterher.“ Sie laufen mir nicht hinterher. Ich bringe ihnen bei, der Tide zu folgen. Ich bringe ihnen nicht bei, mir zu folgen. Wenn sie mir folgen würden, dann kämen sie zum Kanufahren, zum Fliegenfischen und zum Lesen von alter, mystischer Literatur, aber so würden sie nicht ihre eigene Wahrheit finden. Es geht also darum, wirklich zu lernen, wie man der Tide folgt und ich denke, das ist es, was die Menschen wollen.

 

Als ich 14 Jahre alt war und mein Vater gestorben war, kam einer der ersten Mentoren in mein Leben. Dieser Mentor, Dr. Carman Pettapiece, war Osteopath und Röntgenarzt, und er war bereits der Lehrer und Mentor meines Vaters gewesen. Mein Vater war bei ihm in der Ausbildung gewesen. Er hatte sie beendet, starb aber vor dem Examen. Dr. Carman Pettapiece hat sich meiner angenommen. Der Tod meines Vaters war damals ein ziemlicher Schock. Ich hatte keinen Vater mehr und meiner Mutter ging es gar nicht gut. Wir hatten kein Geld von einer Lebensversicherung und es gab kein Einkommen mehr. Wir waren drei Kinder und hatten eine Mutter, die am liebsten davongelaufen wäre. Es kam eine Menge zusammen. Da kam Dr. Carman Pettapiece zu uns nach Hause. Er war eng befreundet mit Dr. Angus Cathie, der wiederum mit Dr. Beryl Arbuckle seziert hatte. Er war also niemand Geringes. Dieser Mann hatte an die zwei Millionen Dollar in das New England College für osteopathische Medizin investiert. Es gibt dort einen großen Saal, den er gebaut hatte. Es gibt auch ein Stipendium mit seinem Namen, welches allerdings kaum mehr Beachtung findet.

Ich war also vierzehn Jahre alt und verängstigt. Er sagte: „Ich möchte, dass du bei mir im Krankenhaus arbeitest.“ Ich erwiderte: „In Ordnung. Danke.“ Dr. Carman Pettapiece fuhr fort: „Und hier ist, wie du leben solltest: Verdiene Geld, denn nichts ist kostenlos. Liebe die Menschen. Folge deinem Herzen.“ Er gab mir einen Zettel mit diesen Worten und meinte: „Steck ihn in deine Geldbörse und lasse ihn darin.“

Ich bin also in sein Krankenhaus gegangen, um dort zu arbeiten, hatte aber überhaupt keine Ahnung, was ich dort tun sollte. Er sagte zu mir: „Geh in diesen Raum. Dort ist es dunkel. Nimm die Bilder heraus und hänge sie auf.“ Ich habe also Röntgenbilder entwickelt. Nach etwa zwei Jahren, als ich sechzehn Jahre alt war, sagte er zu mir, dass ich meine Sache sehr gut mache und er mich zum Röntgentechniker ausbilden möchte. Ich nahm das Angebot an. Er war mein Mentor und er führte mich, denn meine Mutter war immer noch völlig fertig. Ich war noch sehr naiv und hatte keine Ahnung. Mit achtzehn Jahren war ich dann ausgebildeter Röntgentechniker.

Während meiner ganzen Zeit im College habe ich jeden Sommer bei ihm gearbeitet und dann noch während meiner ersten beiden Jahre in Kirksville, wenn ich dort frei hatte. Ich war regelmäßig mit ihm in Kontakt, wir unterhielten uns viel, und er hat immer wieder gesagt: „Das beste, was du für einen Menschen tun kannst, ist, deine Hände zu gebrauchen.“ Wenn Patienten Angst vor dem Röntgen hatten, dann hat er sie aufgemuntert, sie etwas gelockert, indem er mit ihnen gesprochen und seine Hände aufgelegt hat. Sein Spitzname war „Friedensprinz“. Er war Radiologe und Osteopath, und er hat die Menschen behandelt und geliebt. Er war wirklich der netteste Mensch, den man sich vorstellen kann.

Als er 94 Jahre alt war – ich hatte ich ihn schon etwa 25 Jahre nicht mehr gesehen, da ich intensiv in meiner Praxis gearbeitet hatte – rief er mich an und sagte: „Jim, wie geht es dir?“ Ich wusste sofort, wer am Telefon war. „Ich dachte, du und ich sollten mal zusammen eine Runde Golf spielen gehen.“ Ich bin kein guter Golfspieler, hatte aber dennoch eigene Schläger. Er wollte, dass wir auf dem Platz spielten, auf dem auch meine Eltern gespielt hatten – mit Absicht natürlich. Wir setzten uns nicht in einen Golfwagen, denn der Mann ging zu Fuß. Wir schwangen unsere Schläger, als er auf einmal sagte: „Mit dir ist alles gut geworden, nicht wahr?“

 

Als ich ein Kind war, bevor mein Vater starb, waren am Samstagabend immer um die zwanzig Osteopathen in unserem Haus zu Gast. Sie tranken, feierten und beklagten sich über die Ärzte. Der wunderbare Dr. Carman Pettapiece war dabei, und ich habe auch Dr. Angus Cathie getroffen, wusste aber zu diesem Zeitpunkt nicht, wer er war. Außerdem waren Dr. Cliff Keene, Dr. Ruby Day und Dr. Anne Wales bei uns zu Gast.

 

Ich erzähle Ihnen nun die Geschichte von Dr. Anne Wales. Alles begann im Jahre 1978, als wir sie mit einigen Leuten besuchten, weil sie war krank war. Ich weiß noch genau, wie ich durch die Eingangstür ihres kleinen Wohnwagens in Stafford trat. Sie sagte: „Ich weiß, wer du bist. Du hast mit Ruby Day gearbeitet, nicht wahr?“ Sie und Dr. Ruby Day waren ganz enge Freundinnen. 1953, als sie die kraniale Arbeit erforschten, waren sie so viel zusammen, dass sie sogar zusammen wohnten. Dr. Anne Wales fuhr fort: „Wenn du bei Ruby gewesen bist, dann brauchst du nicht zu mir zu kommen.“ Ich entgegnete: „Ich will es aber trotzdem.“

Daraufhin begannen wir mit einer Studiengruppe. Zu dieser Zeit war Dr. Anne Wales 78 Jahre alt. Sie hatte mit dem Unterrichten aufgehört, weil sie keine drei Treppenstufen mehr hochkam. Sie nahm schon seit Jahren Digitalis, denn ihr Herz brach, als ihr Mann starb, der ein wunderbarer Mensch gewesen war. Wir sagten: „Warum probieren wir es nicht aus und schauen, ob wir ein paar Leute zusammenbekommen?“ Es kamen tatsächlich um die 25 Interessenten zusammen, ein Teil sogar aus Europa. Das Ganze entwickelte sich mit der Zeit zur größten Studiengruppe in der Geschichte der Osteopathie.

Für unser erstes Treffen im Jahr 1978 mieteten wir einen Raum in der dritten Etage eines Hotels. Wir mussten Dr. Anne Wales hochhelfen, alleine hätte sie es nicht geschafft. Man musste befürchten, dass sie nicht mehr lange leben würde. Tatsächlich aber hat sie noch fast 25 Jahre gelebt. Wir dachten also, dass sie bald sterben könnte und da wir noch so viel wie möglich von ihr lernen wollten, sind wir dieser armen Frau fürchterlich auf die Nerven gegangen. Sie tat mir wirklich leid.

Bei einem gemeinsamen Abendessen mit der gesamten Studiengruppe sagte sie auf einmal zu mir: „Ich hätte jetzt gerne einen Scotch. Meinst du, die haben hier welchen?“ Da habe ich ihr einen geholt. Etwa zehn Minuten später sagte sie zu mir: „Glaubst du, ich könnte noch einen bekommen?“ Ich erwiderte: „Na klar, du kannst so viel Scotch haben, wie du möchtest.“ Wir machten uns ein wenig Sorgen, ob es ihr damit gutgehen würde, aber sie hat uns tatsächlich unter den Tisch getrunken.

Innerhalb von sechs Monaten konnte sie wieder gut gehen. Ihre Energie kam zurück und ich brachte sie dazu, wieder am jährlichen SCTF-Kongress zu unterrichten. Das war ein Meilenstein in der Osteopathie, denn wir hatten sie zurück in der Szene.

Manchmal tun die Studenten viel für ihre Mentoren. Ihre Geschichte ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Darin geht es um die ganze Liebe der Studenten und dass sie ihr zugehört und ihr geglaubt haben. Manchmal bedeutete das, vier Stunden lang zuzuhören, obwohl man vielleicht lieber ins Bett gegangen wäre. Es ging darum, bei ihr zu bleiben, die ganze Liebe anzunehmen und sie an sie zurückzugeben. Als Dr. Anne Wales dann irgendwann in ein Altersheim ging, etwa drei Jahre, bevor sie starb, war sie ungefähr 100 Jahre alt. Sie hatte noch sehr lange gelebt, weil die Studenten ihr so viel gegeben hatten. Sie sagte oft, dass wir ihr das Leben zurückgegeben hätten, was wir aber so nicht gesehen haben, denn sie brachte uns durch eine kritische Zeit. Die Älteren starben weg und wir fühlten uns noch nicht in der Lage, auf unseren eigenen Beinen zu stehen. Sie hat uns da wirklich hindurchgeführt. Wenn man bedenkt, welch namhafte Osteopathen sie trainiert hatte, zum Beispiel Dr. Mike Irano, den Präsidenten der „Sutherland Cranial Teaching Foundation“. In der Geschichte von Dr. Anne Wales haben Studenten einen Mentor unterstützt. Es ist oft so, dass die Liebe, die von den Studenten aus fließt, sehr heilsam für den Mentor ist.

 

Öfter wurde ich gefragt: „Wie steht es mit deiner Lebensversicherung? Wo investierst du dein Geld?“ Dann habe ich geantwortet: „Ich habe keine Lebensversicherung.“ Ich war zu beschäftigt damit, die ganzen kostenlosen Kurse zu unterrichten. Manchmal gab ich 50.000 Dollar pro Jahr für meine Forschungen aus. In meiner Praxis gab es immer eine kleine braune Tüte. Ich sagte: „Siehst du diese kleine braune Tüte? Schau rein. Siehst du all die Karten? Das ist meine Lebensversicherung.“ (Anmerkung des Herausgebers: Es handelt sich um Karteikarten, auf denen Dr. Jealous osteopathische Erkenntnisse vermerkt hatte, die für ihn so wichtig waren, dass er sie als „Lebensversicherung“ bezeichnete.) Ich hatte nie eine Praxisversicherung, was dumm ist und ich gar nicht empfehle. Ich habe nie eine Lebensversicherung abgeschlossen und auch keine Investitionen getätigt, denn alles floss zurück in die Osteopathie. Ich habe jedoch diese Tüte, und nicht nur eine, ich habe vier oder fünf davon.

 

Dr. Anne Wales pflegte zu sagen: „Ich habe die Long Tide nie gespürt. Ich kann sie nicht spüren, ich arbeite einfach mit diesem und jenem.“ Ich weiß nur, dass ich mich großartig fühlte, wenn sie mich behandelte. Ich weiß nicht, wo sie war, aber sie war an einem besonderen Ort. Die Studenten sagten Dinge wie: „Du interessierst dich für die Long Tide, Annie?“ Aber sie meinte nur: „Ach, ich weiß nicht. Ich glaube nicht. Davon hat mir noch keiner erzählt. Klingt aber interessant, erzähl mir davon.“ So war sie. Dann brachten wir die Idee von der Mittellinie vor: „Anne, was denkst du über die Mittellinie?“ „Oh, das, was durch den Processus odontoideus geht und durch den Coccyx rausgeht?“ „Nein, das ist die Gravitationslinie.“ „Oh ja, diese Gravitationslinie kann man spüren.“ Ich sagte: „Nein, ich meine die Mittellinie im Flüssigkeitskörper.“ „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Erzähl mir davon.“ So ging es hin und her. Wir haben ihr viel erzählt, denn wir waren ja schon so gut. Sie sagte nur: „Ah, das, ja, das habe ich gespürt. Dieses Ding in der Mitte. Ja, das ist gut.“

Wir haben also nie wirklich etwas entdeckt, von dem die Älteren nicht bereits irgendwie gewusst hätten, ob es nun in einem Buch stand oder nicht. Meine eigenen Forschungen gingen bis auf das Jahr 1966 zurück.

 

Die ganze Geschichte der Biodynamik, wie wir sie jetzt haben, ist eine ganz spezielle Geschichte für mich. Sie hat sich wirklich von den Mentoren her entwickelt. Sie hatten die Großzügigkeit, die Freundlichkeit und die Liebe, mich zu unterstützen und zu sagen: „Nur zu, unterrichte die Lamina terminalis, sie ist wichtig. Unterrichte dies oder das, es ist interessant, versuche es und schau, wo es hinführt.“ Das muss man sich in Erinnerung rufen, wenn man die ganze Reise mit all diesen Menschen betrachtet.

 

Es gab auch Menschen, die waren einfach gegen alles, zum Beispiel gegen die Lehrmethoden von Dr. Rollin Becker. Irgendjemand hackte auch immer auf dem armen Dr. Fulford herum, verbreitete Gerüchte und redete schlecht über ihn, obwohl er ein so wunderbarer und freundlicher Mensch war. Er zeigte mir die Bewegung vom Zentrum zur Peripherie. Darüber hatte zuvor noch niemand gesprochen. Er sagte: „Vom Zentrum bis zur Peripherie gibt es eine Bewegung.“ Er hat darüber sogar einen Artikel geschrieben mit dem Titel „Vom Zentrum zur Peripherie“. Er sprach außerdem über die Atmung und die Rhythmen wie sonst niemand. Wenn er sprach, dann hatten Sie das Gefühl, Sie sitzen in einer uralten Höhle mit einem alten Lama im Himalaya, denn er sprach über etwas, was jenseits der Beschreibung von Gewebe, Flüssigkeit und Potency liegt. Der Mann wusste wirklich viel über die Liebe. Ich glaube, das war es auch, was an ihm so speziell war. Er war einfach fantastisch. Ich stellte ihm auch allerlei Fragen über Mathematik und andere Themen. Ich habe nicht so viel Zeit mit ihm verbracht, aber er und ich waren in derselben spirituellen Schule.

 

Einer meiner besten Mentoren war die fieseste Person, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Es war so schwierig, mit ihm auszukommen, dass er mich dazu gebracht hat, hart daran zu arbeiten, zu beweisen, dass die Liebe stärker ist als die Macht. Er hat mich dauernd zusammengestaucht und war eine Nervensäge. Er hatte gute klinische Ergebnisse und war ein sehr guter Osteopath, aber er war wirklich eine echte Nervensäge. Indem ich das Gegenteil war, wollte ich ihm beweisen, dass die Studenten auf Freundlichkeit und Anerkennung reagieren. Ich wollte, ohne eine Peitsche in der Hand zu haben, unterrichten.

 

Ich erinnere mich an einen wunderbaren Osteopathen, mit dem ich aber leider nicht gearbeitet habe. Ich habe ihn gefragt: „Warum sind Sie so fies zu ihren Schülern?“ Ich war nicht in seinem Kurs, ich war da für die SCTF und konnte mir deshalb diese Frage erlauben. Wenn Sie nicht der Direktor sind, dann halten Sie jedoch besser den Mund. Er antwortete: „Nun, mein Lehrer war auch so, er war nie nett zu mir. Warum sollte ich also nett zu irgendjemandem sein? Wenn ich ihn fünfzehn Jahre lang ertragen musste, dann müssen die da auch durch.“ Das hat er mir wirklich gesagt. Ich war perplex. Ich fühle viel Liebe für diesen Menschen, aber in diesem Moment habe ich mich wirklich schlecht gefühlt, denn ich wusste, dass viele Studenten diesen Lehrer liebten.

 

Ich hatte einen weiteren Mentor, der kein Osteopath war. Ich war damals etwa 35 Jahre alt und bereits eine Größe in der Osteopathie. Ich fühlte Stillpunkte, war dabei meilenweit entfernt und korrigierte die Tide. Ich fand mich so cool. Außerdem dachte ich, dass Osteopathen die einzigen sind, die Bescheid wissen. Ich war also in der Stille, fühlte die Tide und fand mich großartig. Dies kann Ihnen jederzeit passieren, wenn Sie nicht aufpassen.

Ich bin zum Fluss gefahren, um mich beim Fischen ein wenig zu entspannen. Dort sah ich einen alten Mann. Er sah ziemlich heruntergekommen aus. Sein Fischernetz hing an ihm herunter, seine Stiefel und sein Hut waren ihm zu groß, die Fliegen, die er mitgebracht hatte, hingen an seinem Hut herunter und er hatte einen riesigen Korb zum Fliegenfischen. Er sah aus, als ob er in den Fluss gefallen war und man ihn retten müsste. Ich hatte den Impuls mit ihm zu reden, ging zu ihm und sagte: „Hallo, wie gehts denn so?“ „Gut“, antwortete er. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihm los war und sagte: „Dann noch einen schönen Tag, bis später vielleicht.“

Später an diesem Tag oder vielleicht war es auch am nächsten – ich war zwei Tage dort – fischte ich mit einer bestimmten Fliegenart, nach der die Fische geradezu verrückt waren. Sie war bräunlich und ich fing etwa zwanzig Fische damit. Auf einmal ging mir diese Fliegenart aus. Ich war ganz aufgebracht und probierte etliche andere Fliegen. Ich hatte etwa zweihundert dabei und probierte circa dreißig aus, hatte jedoch keinen einzigen Fisch damit gefangen. Wenn Sie sich einmal auf eine Fliege eingeschossen haben, dann beißen die Fische bei keiner anderen an. Ich bin dann circa zehn Kilometer in die nächste Stadt zu einem Spezialgeschäft gefahren und sagte: „Ich brauche noch mehr von diesen Fliegen.“ Sie erwiderten: „Wir haben keine, sie sind ausverkauft.“ „Wer stellt sie denn her?“ „Dieser alte Mann unten an der Straße.“ Ich ging also dorthin, klopfte an und fragte: „Könnten Sie mir vielleicht ein paar dieser Fliegen verkaufen?“ Er erwiderte: „Selbstverständlich, komm herein. Was hättest du gerne?“ Wir saßen zusammen am Tisch und tranken Tee. „Nur ein paar von diesen Fliegen.“ Er holte etwa zehn davon und ich sagte: „Ich brauche bloß ein paar davon.“ „Nein, ist schon in Ordnung, du kannst sie alle haben. Brauchst du Leinen?“ Ich sagte: „Nein, danke, ich habe Leinen.“ „Aber nicht die, die ich mache.“ Er hatte Leinen entwickelt, welche in Abschnitten runtergingen wie Dominosteine. Wenn der letzte Abschnitt in die Luft ging, dann flog die Fliege nur so über das Wasser. Sie wurde nicht gedrückt, da war kein Widerstand. Diese Leine hat getanzt und die Fische haben danach geschnappt, noch ehe sie das Wasser berührt hat. Er hatte also diese besonderen Leinen und ich sagte: „Gut, ein paar Leinen wären schön.“ Er fragte: „Welche möchtest du? Möchtest du ein 4-Pfünder oder ein 6-Pfünder?“ Ich sagte: „Ich weiß nicht, 4 wäre gut für diese Jahreszeit.“ „Weißt du was? Ich gebe dir 9, 6, 4 und 2, denn im Frühjahr laichen die Fische und du wirst diese anderen Leinen auch brauchen. Ich zögerte. „Mach dir keine Gedanken, nimm sie alle mit. Hast du Lösungsmittel für die Fliegen?“ „Ja, ich habe welches.“ Er sagte: „Wie viel hast du? Zeig mal her.“ Ich zeigte es ihm und er meinte: „Nein, du brauchst dieses. Es wird dir ungefähr für ein Jahr lang reichen. Es ist meine eigene Spezialität.“ Er gab mir eine Flasche davon. Ich wurde allmählich nervös, weil er gab und gab. Danach zeigte er mir all seine antiken Fliegen. Der Mann war ein wahrer Meister. Ich wurde langsam etwas unruhig, weil ich wieder an den Fluss wollte, um noch einige Fische zu fangen und sagte deshalb zu ihm: „Ich würde sehr gerne wieder zum Fluss fischen gehen.“ Er meinte: „Dann geh mal los, es ist ja schließlich deine Zeit. Du kannst jederzeit wiederkommen, wenn du möchtest.“ Ich stand auf und zückte meinen Geldbeutel. „Du brauchst nichts zu bezahlen.“ „Warum denn nicht?“ „Bete einfach für meine Eltern, denn sie haben mich so erzogen.“ Ich war ganz perplex und ging davon. Das war schließlich unser erstes Treffen. Dieser Mensch war wirklich wichtig für mich, denn durch ihn habe ich eingesehen, dass Osteopathen nichts Besonderes sind. Diese Erkenntnis ist wichtig. Ich glaube, für jeden von uns.

Später habe ich ihn wieder besucht und ich sagte: Komm, wir gehen fischen.“ Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd und erwiderte: „Weißt du, in letzter Zeit hatte ich Sorge, dass ich ertrinken könnte, ich werde langsam alt. Wenn ich ins Wasser gehe, dann kann ich nicht mehr so tief reingehen, denn wenn mich der Fluss erfasst, dann habe ich ein ernsthaftes Problem.“ Wir sind zusammen runter zum Fluss gegangen. Er stand flussaufwärts und ich flussabwärts. Er war ganz entspannt, denn sollte er stolpern, dann wäre ich da, um ihn aufzufangen. Das musste ich nie tun, aber ich war da für ihn. Auf einmal zog eine bedrohliche, schwarze Wolke am Himmel auf und wir sind sofort aus dem Wasser gestiegen. Er sagte: „Gehen wir zurück ins Haus und trinken eine Tasse Tee.“ Er hatte nur einen Wohnwagen. Wir saßen also dort, als ein Tornado zu wüten begann. Der Wohnwagen fing an zu schaukeln. Draußen wurden Elektrizitätsleitungen heruntergerissen, es gab in der ganzen Straße keinen Strom mehr und die Sirenen heulten. Es war ein heftiger Sturm. Er saß am Tisch mit seiner Tasse Tee und bewegte sich nicht. Ich wurde schon ganz nervös und sagte: „Paul, ich glaube, wir sollten jetzt hier verschwinden.“ Er erwiderte nur: „Schau dir dieses ganz Szenario an. Feuerwehrautos kommen, Leitungen fallen herunter, ein großer Sturm wütet, aber wir bewegen uns nicht.“ Auf einmal war da ein Stillpunkt, größer als alles, was ich bei Behandlungen jemals gespürt hatte. In den nächsten anderthalb Stunden ging der Sturm langsam zurück und er bewegte sich immer noch nicht. Er saß seelenruhig da und sagte zu mir: „Siehst du, wir werden beschützt.“ An diesem Tag wurde er mein Lehrer.

Wenn ich eine zweitägige Auszeit nahm und in diesen kleinen Ort fuhr, dann ging ich immer bei ihm vorbei. Ich stand an seiner Tür und er sagte: „Hier ist dein Bett, dein Handtuch und alles, was du brauchst.“ Er hatte alles bereitgelegt. Er fuhr fort: „Wenn du soweit bist, dann koche ich ein Abendessen für dich.“ Er bereitete italienisches Omelett für mich zu, dazu gab es kleingeschnittenen Salat aus Sellerie, Zwiebeln und weiteren Zutaten. Er bediente mich. Als ich die Teller holen wollte, sagte er: „Nein, lass das, du bist mein Gast.“ Es ist wirklich schwierig, einfach sitzenzubleiben und zu warten. Wenn Sie aber erst einmal begriffen haben, dass Sie der Gast von jemandem sind, dann verändert dies die ganze Art, wie Sie einen Patienten behandeln. Dann spüren Sie diese Präsenz und Ihnen wird klar, dass Sie der Gast sind. Er war es, der mir dies beigebracht hat.

Ich saß da und er hat alles sauber gemacht. Die Küche blitzte nur so. Danach sagte er: „Lass uns ein Baseball- oder Basketball-Spiel anschauen.“ Ich erwiderte: „In Ordnung.“ Wir saßen auf einer völlig durchgesessenen Couch, auf der einem alles weh tut, weil man bis zum Boden durchsinkt. Er machte seinen Schwarz-Weiß-Fernseher an und vor lauter Nebel konnte man nur schemenhaft die Umrisse der winzigen Spieler erkennen. Er hatte trotzdem seinen Spaß und ging richtig mit. Um Punkt 20:30 Uhr stellte er das Gerät ab und sagte: „Jetzt gehen wir ins Bett. Schlaf gut.“ Das habe ich dann auch gemacht. Er hat sich immerzu um mich gekümmert. Er hat mir ganz direkt vor Augen geführt, was es heißt, mit dem Atem des Lebens zu leben. Er hatte diese Fähigkeit in sich und er war mein Lehrer. Er war ein guter Lehrer.

Ich brachte manchmal verschiedene Freunde mit, arrogante Ärzte. Sie hauten ihm auf die Schulter und sagten: „Hey alter Junge, wie gehts denn so?“ Sie taten so, als ob sie mit ihm befreundet seien. Wenn sie weg waren, meinte er dann zu mir: „Diesen Mann solltest du loswerden.“ Ich erwiderte jedoch: „Paul, er ist doch ganz nett, du musst einfach ein bisschen Geduld mit ihm haben.“  „Ich sage dir, den musst du loswerden.“ „Warum denn?“ „Er ist nicht daran interessiert, sich um kranke Menschen zu kümmern. Er will einfach nur ein dicker Macker sein.“ Ich habe dann mit Paul diskutiert, dass man doch großzügig, liebevoll, freundlich und mitfühlend sein und ihm vergeben sollte. Es nützte jedoch nichts. Nach einiger Zeit stellte sich tatsächlich jedes Mal heraus, dass er Recht hatte. Er konnte die Menschen lesen. Einmal sagte er: „Pass auf, dieser Mann verschaukelt dich. Ist das nicht der Typ, den du vor zwei Monaten hergebracht hast? Ich gab ihm ein paar Fliegen und nun steht er ständig vor meiner Tür mit seinen Kindern und allen möglichen Leuten.“ Paul war immer äußerst großzügig – wenn er nicht ausgenutzt wurde. Dr. Ruby Day war genauso, ebenso Dr. Anne Wales und Dr. Rollin Becker. Dieses Charaktermerkmal hatten sie alle und das war fantastisch.

 

Wenn ich gefragt werde „Wo finde ich einen Mentor?“, dann antworte ich ihnen: „Das ist nicht die Frage. Wenn du die Osteopathie erlernen willst, dann bleibe dabei, bis du einen Platz findest, an dem du bekommst, was du brauchst. Es geht nicht um eine Person, verstehst du?“

 

Ich kenne viele Osteopathen, die mit Dr. Anne Wales studiert hatten und nun ihre eigenen Praxen haben. Die meisten davon haben wiederum lange mit mir studiert. Es findet also immer noch statt, aber es gab eine große Lücke von etwa zwanzig Jahren, wo es nicht viele Mentoren gab. Da war Dr. Anne Wales, die über 100 Jahre alt wurde, und Dr. Ruby Day, die etwas über 80 Jahre alt wurde, und dann eine ganze Weile niemanden mehr. Mit 52 Jahren war ich schon einer der Ältesten, obwohl das noch gar nicht so hätte sein sollen. Es gab diese große Lücke, die jetzt langsam gefüllt wird. Die meisten kommen aus der Studiengruppe, die von Dr. Anne Wales ins Leben gerufen wurde. Wir werden sehen, was weiter passiert.

 

Heutzutage hat niemand mehr diese Möglichkeiten. Wenn ich einen Monat lang in der Praxis von jemandem war, dann bezahlte ich für Unterkunft und Verpflegung. Sie haben mich sonst für nichts bezahlen lassen. Ein Monat ist eine lange Zeit, um sie in einen Anfänger zu investieren. Sie haben nie auch nur einen einzigen Cent verlangt. So hat sich der Beruf aufgebaut, und die mündliche Tradition hat die Zeit überdauert und wurde weitergetragen bis zum heutigen Tage, wo sie immer noch lebt.

 

Aus irgendwelchen Gründen hatte ich viel Glück. Ich machte sehr viel Osteopathie und tue es heute noch. Ich wollte unbedingt wissen, wie es wirklich ist, so gut wie diese namhaften Osteopathen zu sein, wie sich das mit den Händen anfühlt, all das. Und wissen Sie was? Was diese Menschen taten, fühlte sich für mich so an, wie wenn ich draußen in der Wildnis war – in tiefer Kommunikation mit dem Leben. So hat es sich wirklich für mich angefühlt. Deshalb war ich darin zuhause. Ich bin vermutlich mehr in der primären Atmung zuhause, als ich es im sozialen Leben bin. So bin ich nun einmal veranlagt, da komme ich her.

 

Tom Esser: Danke, Dr. Jealous.

 

James Jealous: Ich danke Ihnen.

Interview mit J. Jealous zum Thema „Mentoren

von Dr. James Jealous D.O. | Übersetzt und gesprochen von Tom Esser

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